Expedition ins Wartezimmer

Sie sitzt mir schräg gegenüber. Ihre Boots vermitteln den Eindruck, dass sie sich gerade auf dem Weg zu einer Expedition befindet und nur kurz aufgehalten wurde. Ob sie sich sehr ärgert, dass sie in diesem Wartezimmer sitzen muss, während die Huskys unten, drei Stockwerke tiefer, vor der Haustür sicherlich schon ungeduldig mit den Pfoten scharren? Ihr martialisch anmutender Rucksack beinhaltet sicher Dinge wie Spitzhacke, Unmengen an Seilen und ein Survival-Kit. Vielleicht auch nur Buttermilch und Puffreiscracker. Wir sind in Eppendorf, hier weiß man nie. Ihre beiden (!) Gürteltaschen jedoch verdeutlichen anschaulich die Ernsthaftigkeit mit der sie diesen Reinhold-Messner-Gedächtnis-Look zelebriert. Gut, der Weg nach ihrem Arzttermin führt sie wahrscheinlich nur zum Drogeriemarkt und nicht in die Arktis, aber die Welt ist eine gefährliche da draußen. Voller Risiken, Unwägbarkeiten und gefährlichen Dingen wie Rauchern, Atomstrom und Kohlenhydraten. Nur, weil wir die Gefahr nicht mehr so sehen, wie damals, vor einigen hundert oder gar tausend Jahren, als jederzeit irgendwer oder -was gefährliches hinter einer Hecke hervorspringen konnte, heißt das nicht, dass wir sicher sind. Hedonismus, Konsum und Luxus sind der Beginn des Verfalls der menschlichen Spezies! Wir müssen auf der Hut sein, uns wappnen! Vorbereitet sein! Auf was genau weiß ich nicht. Aber die Dame mir gegenüber weiß es offenbar. Aber, wenn es soweit ist, wird sie es mir bestimmt sagen.

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