Flache Hierarchien

Ich mag bekanntlich vieles nicht. Wissen Sie, was ich seit Kurzem ebenfalls nicht mag? Flache Hierarchien.

Laut Wikipedia beschreibt eine flache Hierarchie eine Organisationsstruktur, in der Ranghöhere weniger Eingriffe in Entscheidungen Rangniedriger vornehmen. Man setzt verstärkt auf Eigeninitiative und -verantwortung.

Klingt super, nicht? Also so in der Theorie. In der Praxis ist es aber in etwa so, als gäbe man einem Achtjährigen das gesamte Taschengeld eines Jahres auf einmal, sagt noch zu ihm: „Aber teil es dir ein.“ und nimmt dann an, dass das dann auch tatsächlich funktioniert. Der Mensch als Vernunftwesen – Da lacht selbst Kant bis der Sargdeckel vibriert.

Je nach Blickwinkel grenzt sowas an Utopie oder Idiotie.

Natürlich ist eher weniger schön, wenn dauernd einer von oben kommt und sagt „Mach das so.“, „Mach das anders.“, aber die Sache mit der Eigenverantwortung und -initiative kann halt auch nur klappen, solange der Mensch als solcher sich auch zu der Sache mit der Initiative durchringt und nicht durchfallartig alles durchdiskutiert und einfach nicht zu Potte kommt.

Das gilt nicht nur für den Beruf, sondern auch für’s Private.

Ich war kürzlich Zeuge eines Umzugs und im Rahmen dessen, ging es schließlich um die anschließende Nahrungsbeschaffung. Fünf erwachsene Personen, drei davon studiert, zwei davon Eltern, eine davon ich. Fünf erwachsene Personen, die aus der Frage, wo und wann man jetzt was zu Essen holen geht, eine Task machten, als ginge es darum, eine Seal-Einheit ins Herzen Pakistans zu führen.

„McDonald’s?“ „Ne, da war ich letzte Woche schon so oft.“ „Wir könnten zum Orient Express.“ „Baut der nicht um?“ „Der hat die besten Döner.“ „Ich glaub, der baut um.“ „Sonst der daneben.“ „Du meinst Diwan?“ „Ich dachte, der heisst Serhat.“ „Ne, Serhat ist der neben dem Kino und Diwan der neben dem Bio-Supermarkt.“ „Also gehen wir jetzt zu Serhat?“ „Puh.“ „Was?“ „Ich finde den ja nicht sooo lecker. Orient-Express ist viel besser!“ „Aber der baut um!“ „Echt?“ „Dann eben Diwan.“ „Ich glaube, der hat keine Falafel.“ „Ich will keine Falafel.“ „Aber ich. Ich hätt‘ aber auch irgendwie Bock auf Burger.“ „Aber bei McDonald’s war ich letzte Woche schon so oft.“ „Wir könnten zur Frittebud.“ „Ganz schön weit. Was ist denn mit Orient-Express?“

Da stehen also fünf erwachsene Personen, die wahlberechtigt sind und Verträge und sonst den ganzen Pipapo abschließen können, und die über 30 Minuten brauchen, um eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, zu welchem Schnellimbiss sie gehen sollen. Schnellimbiss. Sie sollen kein Gesetz aus der Taufe heben, keine neue Sprache erfinden, sie sollen einfach nur entscheiden, welche Fritteuse sie aufsuchen.

Und ich stehe einfach nur daneben, wie ein Soziologe beim Milgram-Experiment, und kann mich nicht entscheiden, ob ich fasziniert oder doch so genervt bin, dass ich alle mit dem Drucker erschlage und mir anschließend einfach ’ne Zitronenrolle beim Bäcker holen gehe.

Mir war bis vor Kurzem nicht bewusst, wie viele entscheidungsunfreudige Menschen es gibt und wie ätzendätzendätzend es sein kann, einen Vorgesetzten zu haben, der einen bei jeder Frage, wie ein narkotisierter Panda anschaut und nach zehn Minuten intensivem Überlegen lediglich zu der geistigen Höchstleistung: „Öh…. Was meinst du selbst denn?“ fähig ist.

Bevormundung ist sicherlich eine doofe Sache, aber manchmal ist es schlicht effizient, wenn da einer ist, der einfach sagt und bestimmt: „AB 5.45 UHRRR GEHN WIRRR ZU ORRRIENT-ÄXPRRESSSS!“ „Ja, aber der baut um.“ „EGAL! DA MARRRSCHIEREN WIRRR EIN!!“

Entscheidungsträger for the win.

Die dritte Option ist übrigens immer eine kleine Urne bei sich zu führen und demokratisch und anonym und vor allem fressehaltend (!!) abzustimmen, wie und wo und wann und was man macht.

Mag manchmal vielleicht nervig zu schleppen sein, aber andererseits hat man dann immer was dabei, wo man diejenigen, die einem so auf den Sack gehen, verstauen- ach, lassen wir das.

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