Gekommen, um zu bleiben …

Vor rund anderthalb Jahren durchlebte ich einige der schlimmsten, nervenaufreibendsten Tage und Nächte meines Lebens. Mir selbst war nichts zugestoßen, so gesehen ging es mir also gut. Meinen Hunden jedoch nicht.

Maikai hatte während der Geburt ihres Wurfes zum Ende hin massive Komplikationen. Ein Notkaiserschnitt musste gemacht werden. Der Auftakt eines Albtraums.

Für einen der beiden Welpen, die feststeckten, kam jede Hilfe zu spät. Eins der Mädchen, die zuvor natürlich geboren wurde, war zu schwach und musste wenige Tage später erlöst werden. Vor allem ihr Tod hätte mich fast aus der Bahn geworfen, aber ich hatte keine Zeit zum Luft holen, keine Zeit für Nervenzusammenbrüche. Denn da war ja auch noch Bo.

Bo war eigentlich ebenfalls zum Sterben verurteilt. Er kam mit einer Lippen-/Gaumenspalte zur Welt, konnte nicht selbstständig trinken und mit der Flasche konnte man ihn auch nicht aufziehen. Nur durch eine bei jeder Mahlzeit aufs Neue gelegte Sonde bekam man Nahrung in diesen kleinen Körper – der in der Entwicklung seiner anderen Geschwister massiv zurückfiel. Alle zwei Tage waren wir beim Tierarzt. Nicht wissend, ob sie dieses Mal die Spritze setzen würde. Aber das geschah nicht.

Wochenlang wussten wir nicht, ob das alles Sinn macht. Ein komplett weißer Boxer mit einer derartigen Behinderung hat nicht selten noch weitere „Baustellen“. Litt er? Welche Art von Leben würde ihn erwarten, selbst wenn wir es schaffen würden? Wir wussten es nicht. Was wir aber schnell erkannten, war, dass Bo ein Kämpfer war.

Dieser kleine Furz, der nicht größer als ein Chihuahuawelpe war, hatte den Lebensdrang und Kampfeswillen eines sehr entschlossenen Braunbären auf Meth. Ihm waren seine Überlebensprognosen scheissegal.

Als es nach einigen Wochen an die Milchentwöhnung ging und wir voller Erleichterung feststellten, dass er in der Lage war eigenständig zu fressen, war klar: Wir sind über dem Berg, so schnell geht der kleine Kacker nirgendwohin – und zwar nicht nur im übertragenen Sinn.

Seine Geschwister zogen mit gut zwei Monaten alle aus, er blieb. Er war weiterhin ein Miniaturboxer. Und wir mussten mit Spezialisten klären, wann wir operieren, wie und wo? Und danach? Behalten ging nicht. Nicht nur aus Ressourcengründen, sondern weil er schlicht das Ego eines … nun … kleinen Hundes hatte. Er verhielt sich wie ein kleiner verwöhnter Prinz und Wildsau zugleich – und die anderen ließen ihn gewähren. Als wüssten sie, dass dieser Typ ein bisschen speziell ist. Dieser kleine Alpha im Körper eines geschorenen Meerschweinchens würde über kurz oder lang das gesamte Rudel ins Chaos stürzen.

All die Fragen lösten sich irgendwann in Luft auf. Denn wie aus dem Nichts fanden wir in Berlin das perfekte Zuhause für ihn. Mit einem halben Jahr zog er aus, wurde operiert und lebt nun – trotz sich nun offenbarenden, befürchteten „Baustellen“ – schlicht das bestmögliche Leben.

Jedesmal, wenn ich nun ein Foto von @whiteboxer.bo zugeschickt bekomme, freue ich mich wie‘n Schnitzel – und kann es gleichzeitig nur schwer fassen, wie riesig er ist und kraftvoll und dass das derselbe Fuzzi-Hund ist, dessen Leben wochenlang an einem seidenem Faden bzw. an einer Sonde hing.

Das Leben geht seltsame Wege und scheint die meiste Zeit ohnehin zu machen, was es will. Manchmal jedoch kommt ein Bo daher und sagt „Ich bin da. Ich geh nicht weg. Eure Prognosen zu meinem Überleben interessieren mich einen Fick! Wer hat Bock auf ne Runde toben?!“

Vielleicht sollten wir alle viel öfter wie Bo sein.

4 thoughts on “Gekommen, um zu bleiben …

  1. Schöne Geschichte, so wunderbar herzerwärmend. Und wie fragil er war!
    Dann ist er das auf dem Foto im Haldbjahresrückblick?

  2. Das Foto mit seiner Mutter (?) ist auch absolut süß. Man möchte beide knuddeln, aber man will auch nicht stören in diesem Moment – tolle Aufnahme!

    Und was für ein beeindruckender Kerl er geworden ist…

    Und ja, man sollte öfter wie Bo sein – nicht denken, was alles passieren/schiefgehen könnte, sondern probieren. Kann ganz Erstaunliches dabei rauskommen.

  3. Das ist seine Schwester auf dem Foto :-) Macht den damaligen Größenunterschied ziemlich deutlich …

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