Gucken oder nicht gucken? Das ist hier die Frage.

Und dann ist Dienstag, der 5. Oktober, und das Sommerhaus der Stars läuft wieder und es fühlt sich irgendwie seltsam an, als wäre man unabsichtlich in der Mediathek mit der Maus ausgerutscht und auf einer Sendung von 2009 gelandet. Denn eigentlich ist da ja dieses Gefühl, die Zeit, in der man hämisch und vor Selbstzufriedenheit fast zerfließend, irgendwelche sozial eingeschränkte Z-Promis zerriss, sei vorbei.

Denn während irgendwelche Kuppel- und Bums-Shows auf RTL2 offenbar weiterhin florieren, balancieren Sendungen wie Kampf der Realitystars, Promis unter Palmen und Sommerhaus seit etwa einem Jahr auf einem immer dünner werdenden Drahtseil ihrem eigenem Ableben entgegen.

Die Sommerhaus-Empörung des letzten Jahres (die Hartcore-Trasher erinnern sich an Andrej Mangolds unfreiwilligen Abstieg aus dem Olymp des perfekten Sunnyboys hin zur Unterwelt der meistgedissten Menschen im Internetz) war albern bis grotesk – denn die dort zelebrierte Verachtung war nicht mehr oder weniger ausgeprägt als was zuvor dort lief.

Die letzte Staffel Sommerhaus kollidierte schlicht mit dem Symptom eines veränderten Zeitgeistes.

Ob der Zeitgeist nun an sich ein besserer ist, ist ein anderes Thema. Und während Promis unter Palmen sich durch das vorzeitige Ableben eines Protagonisten um die Entscheidung, ob man den menschenverachtende Aussagen wie denen von Prinz Markus weiterhin unzensiert eine sprachliche Bühne geben sollte, drücken konnte, ist RTL einfach alles egal.

Schließlich haftet RTL selbst nichts an – die vormals artikulierte Scheiße haftet lediglich an den Schuhen von Mangold, Lange & Co., nicht an der Produktion selbst. Wo kämen wir denn dahin, wenn eine Produktion inhaltliche Verantwortung übernehmen würde. LOL. (Sat1 zeigt ja aktuell bei dieser einen Sache, die man nicht erwähnen sollte, damit man nicht verklagt wird, das sie das durchaus ähnlich sieht.)

Nein, RTL zieht das weiter durch. Man könnte natürlich denken, dass die Produktion dieses Jahr vielleicht einfach totale liebe Menschen im Sommerhaus zusammenkommen lässt. Könnte man. Bis man sieht, welche zarte Persönlichkeiten sie da so reinschicken.

Zarte Persönlichkeit (links) und seine Freundin. Quelle: RTL

Wie verhält man sich also als traditionieller Trash-Gucker im Jahr 2021 bei diesen Formaten?

Ist das wie bei der Salami für 79 Cent, wo man sich als Konsument indirekt mitschuldig macht an Tierquälerei, Massentierhaltung und Klimakrise? Sollte man das eigene, über Jahrzehnte sorgsam antrainierte Voyeur-Verhalten genauso abschalten wie den Fernseher selbst? Oder darf man das noch? In die verschiedenen, ekligen Nuancen der menschlichen Asozialität abtauchen und das geradezu ausufernde Potential an Peinlichkeiten genießen, um seine eigenen kleinen (oder ggf. größeren) Defizite für einen überschaubaren Zeitraum zu vergessen?

Auf der einen Seite ist da dieser Reflex, einzuschalten. Einzutauchen. Hämische WhatsApp auszutauschen und Tweets abzuschicken. Sich für eine Stunde mal wieder richtig geil finden.

Und auf der anderen Seite ist da dieses Geschmäckle. Ein ziemlich fieses. Als hätte man sich nachts um drei hochbesoffen einen Billo-Dürüm mit zu viel Knoblauch reingeknallt und müsste, während besagter Mitternacht-Snack sich wieder die Speiseröhre hochkämpft, über einen politisch inkorrekten Witz lachen und wüsste in derselben Sekunde, dass hier gerade mehr als nur eine Sache so ganz und gar nicht gut ist.

Also. Gucken oder nicht gucken? – Das ist hier die Frage. Und eigentlich weiss man schon die Antwort …