Happy New och nö …

Ich würde wirklich unfassbar gerne sagen, dass ich heute Morgen um fünf Uhr aufgestanden bin, eine Runde joggen war, dann ein proteinreiches Paleo-Frühstück inklusive frisch gepresstem Orangensaft zu mir genommen habe, den ganzen Tag der Fernseher und/oder Netflix ausgeschaltet blieb, ich stattdessen gelesen, meditiert, bis zum Mittag 257 Dinge nach der Konmari-Methode entrümpelt und zum Abendessen ein grandioses Gericht aus gedünstetem Gemüse und Vollkornreis gezaubert habe und ich nun, nach einer Runde Yoga, rechtzeitig ins Bett gehe. Mit einem ungesüßten Fencheltee und einer Ausgabe von Marc Aurels Selbstbetrachtungen – natürlich auf altgriechisch –, bevor ich dann gleich einschlafen werde, während mir Alexa den Gesang von Blauwalen oder sonsteinem Bullshit vorspielt, den Menschen so hören, die es schaffen, so einen Tag zu haben.

„Ich würde wirklich unfassbar gerne sagen“ ist recht eindeutig im Konjunktiv …

… Und ich habe nichts von alldem getan und plane auch nicht in absehbarer Zeit damit anzufangen. Ich bin durchaus ein großer Freund von Vorsätzen und Listen und eine Liste, auf die man, am Besten nach Prioritäten sortiert, all seine Vorsätze aufschreibt, lässt mich geradezu wuschig werden.

In der Vergangenheit standen dementsprechend auch die üblichen Verdächtigen wie „x Bücher im Jahr lesen“, „Keine Süßigkeiten essen“, „Jeden zweiten Tag Yoga machen“ bei mir auf solchen Listen. Ihre Haltbarkeit war in der Regel kürzer als die der Milch in meinem Kühlschrank. Wie bei den meisten Menschen. Weswegen manche Menschen gar keine Vorsätze mehr fassen oder geradezu verächtlich über jene spotten, die es weiterhin machen.

Wobei ich den Ansatz, sich selbst und sein Leben zu reflektieren, eine kurze Generalprüfung zu machen und zu überlegen, ob es einem gefällt, wo man gerade im Leben steht, wie man durch eben dieses wandelt, und falls nicht, was man ändern müsste, damit das eben nicht mehr der Fall ist. Manche Menschen brauchen dafür einen äußeren Fixpunkt. Sie können ihr Leben nicht an einem Dienstag Vormittag um 11.28 Uhr ändern. Sie brauchen einen Sonntag. Einen Geburtstag. Einen Todesfall. Oder eben Silvester. Und das ist okay.

Im vergangenen Jahr habe ich einiges durchgemacht.

Habe viel über mich gelernt. Einiges war auf eine positive Weise überwältigend, anderes belastend. Um ehrlich zu sein, bin ich emotional noch nicht bereit für 2022. Zu viel Gepäck von 2021, zu viele ungeöffnete, nicht ausgepackte Koffer, als dass ich frohen Mutes und frisch und energiegeladen wie ein, gerade noch in Plazenta gehülltes Fohlen über die Wiesen dem neuen Jahr entgegen galoppieren könnte.

Ich bin schlicht müde.

Also kein „Weniger Fernsehen, mehr Lesen, keine Süßigkeiten, täglich Yoga“ für mich. Ich habe dafür keine Kraft.

Und dennoch habe ich mir Ziele gesetzt. Inzwischen ist klar, dass wir hier einen komplett neurodivergenten Haushalt haben und das primäre Ziel für 2022 wird sein, verstärkt ein Umfeld zu schaffen, das den daraus resultierenden und durchaus sehr verschiedenen Ansprüchen gerecht wird. Um uns allen den Alltag zu erleichtern. Damit wir entspannter und froher durch den Tag kommen. Denn eins ist mir nach 2021 noch einmal schmerzlich klar geworden: Keiner der Tage wird wiederkommen. Für jeden einzelnen Tag habe ich nur eine Chance. Und jeder einzelne ist schlicht zu kostbar, um ihn wütend, depressiv, leidend zu verbringen.

Häufig können wir daran nichts ändern. Depressionen sind ein Arschloch, viele andere Gefühle und Gemütszustände ebenfalls. Aber wir alle können es immer wieder versuchen. (Und damit meine ich nicht „weiterzukämpfen“, „durchzuhalten“ etc. Denn genau das können einige genau dann eben nicht.)

Aber den Tag besser zu machen, dazu gehört vielleicht auch, das Essen zu essen, das einem „gut tut“, diese eine Serie wieder und wieder zu schauen, einfach mal für 48 Stunden mit niemandem zu sprechen, oder eben kein Sport zu machen, sondern einfach nur auf dem Sofa zu liegen und draußen im Garten das Eichhörnchen zu beobachten, das immer vormittags vorbeikommt.

Lasst euch nichts einreden: Ziele und Vorsätze sind super!

Sie sind großartig und bieten jede Menge Potential und die Chance auf Veränderung. Aber es hat keinen Sinn, sich Dinge vorzunehmen, die gegen die eigene Natur gehen, an denen man scheitern muss, wegen denen man sich am Ende schlecht fühlen wird.

Ja, ich werde versuchen, 2022 mehr Gemüse zu essen. Vielleicht auch mal Obst. Aber wenn es mir schlecht geht, werde ich auch weiterhin Weizentoast mit Nutella oder sonst irgendein Safefood essen. Und ja, ich werde versuchen 2022 mich körperlich mehr zu betätigen, aber wenn es mir schlecht geht, werde ich mich auch weiterhin mit Ohropax und Augenmaske ins Bett legen. Weil es unbeschreiblich wichtig ist, die Bedürfnisse des eigenen Körpers und Geistes zu verstehen und einzuordnen und dementsprechend zu handeln.

Mein Ziel für 2022 ist also nachsichtiger mit sich selber zu werden.

… Also sobald ich 2021 verarbeitet habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.