Hass

„Es ist doch ganz einfach.“ hatte sie gesagt und das mit einer Überzeugung im Tonfall, die keinen Unglauben zuließ. „Sie muss sich weich anfühlen, aber noch nicht braun sein. Dann ist sie perfekt!“ Ihre Worte hallen in diesem Moment erneut durch meinen Kopf, knallen vorne brachial gegen die Stirn und werden wie ein Echo wieder nach hinten geschleudert. Wie ein Betrunkener schlingern sie in meinem Gehirn umher, während ich mit einer Mischung aus Ekel und Faszinat- nein, eigentlich nur mit enormen Ekel die aufgeschnittene Avocado vor mir betrachte.

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Ich erwarte sekündlich, dass sich irgendwas Lebendiges aus der braungesprenkelten Masse vor mir herausschält und mir munter zuwinkt. Frei nach dem Motto „Hallo Nachbar, wir sind die Müllers. Wir sind gestern hier eingezogen!“ Doch es bewegt sich nichts und das weiche Fleisch der Avocado und ich starren uns einfach weiterhin stumm an. Ich weiterhin voller Ekel, sie voller Gleichgültigkeit. Wie sollte sie auch etwas anderes als Gleichgültigkeit empfinden, offenbar ist sie schon vor langer Zeit verstorben. Vor sehr, sehr langer Zeit. Ich habe genügend Folgen CSI gesehen, um am Verwesungszustand der Leiche der Avocado eindeutig und ohne jeden Zweifel feststellen zu können: „Sie ist tot, Jim!“

Ich weiß auch wirklich nicht, was ich mir gedacht habe. Avoados! schnaube ich verächtlich. Schuster, bleib bei deinen Leisten, hat meine Oma immer gesagt. In meinem Fall heißen die Leisten Nutella und Vla. Aber man will ja Vorbild sein und offen für Neues und überhaupt die Supi-Mutti, die man immer so im Fernsehen sieht. Diese Art Muttis, die an der Kasse vor einem stehen und Bananen, Grapefruits, Auberginen und irgendwelche naturbelassenen Reistafeln ohne Geschmack aufs Band legen, während man selbst den Nesquik, die zwei Tafeln Milka und dreizehn Packungen Tassenküchlein von Dr. Oetker in seinem Einkaufskorb kritisch begutachtet. Sowas zu kaufen (und zuhause zu inhalieren) ist cool, solange man 25 ist und im vierten Semester Anthropologie und Evangelische Theologie studiert. Mit Anfang 32 und als potentielle Ernährungs-Rabenmutter hängt die Hypovitaminose wie das adipöse Damokles-Schwert der Ernährungswissenschaft über einem. Drohend. Ständig wackelnd und winkend.

Was dazu führt, dass man sich irgendwann am Gemüseregal wieder findet. Normalerweise kaufe ich mir hier alle zwei Wochen eine Alibi-Banane oder einen Braeburn (die schmecken ganz gut mit Nutella..). Nun, nach dem Aufschneidedebakel der ersten Avocado stehe ich hier erneut und murmle halblaut „Zu fest.. zu fest.. zu weich.. zu fest.. igitt.. zu fest..“ Irgendwann finde ich eine, von der ich mir einbilde, dass sie erneut der super präzisen Beschreibung von weich, aber nicht braun entspricht und packe sie in den Korb, wo sie auf dem Heimweg alleine und orientierungslos von der einen zur anderen Seite rollt.

Zuhause hält die Erleichterung, dass es dieses Mal keine Zombie-Avocado aus dem Jenseits ist, Einzug und unter den fantasievollsten Flüchen versuche ich das schmierige, organhafte Ding von seiner Haut zu befreien. Ich fühle mich ein wenig wie ein häutender Serienmörder, der eigentlich null Bock auf das hat, was er da gerade macht. Einfach, weil er es muss. Weil die Gesellschaft und Instagram einem einredet, dass man sowas essen muss. Und, zugegeben, es schmeckte letztlich auch alles gar nicht mal so scheisse..

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..nur seien wir ehrlich: Es hat einen Grund, warum auf Avocados und nie auf Nutella Hass draufsteht.

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