Ihr Kinderlein kommet

„Claudia! Brauchst du noch Text?“ Sie wedelt mit einer gefühlt 20-Seiten-dicken Sammlung von Weihnachtsliedern in meine Richtung. Ich lächle stalinesk und verneine mit der Begründung, ich würde alle Texte auswendig können. Kann ich nicht. Klingt aber netter, als wenn ich sagte Ich sing nicht mit. Und an Weihnachten bin selbst ich mal nett. Wenn auch meine Nettigkeit nicht so weit reicht, dass ich mich in einen Pulk von Heiden stelle, die christliche Lieder zur Geburt des Messias singen.

Goldig, wie sie da alle um das Klavier stehen, jeder an seinen Platz und die gesamte (!) Sammlung durchexerzieren, während ich mich mit einer ausladenden Bewegung aufs Sofa fallen lasse und zwischen Stille Nacht und Ihr Kinderlein kommet nachschaue, wie betrunken meine Twitter-Timeline schon ist.

Irgendwann blicke ich Richtung Kamin und sehe, ich bin nicht allein. Ein kleiner Mensch hat quer durch das gesamte Wohnzimmer den grünen Kinderstuhl aus Plastik hinter sich hergezogen, ihn vor dem knisternden Feuer in Stellung gebracht und betrachtet, den Rücken allen anderen zugewandt, das langsam in sich zusammenfallende Holz.

IMG_0754 Kopie

Ob ihm das Gesinge zu laut war? Die Menschen zu viele? Ob er fürchtete als Antichrist beim Mitsingen der Lieder augenblicklich zu verbrennen? Ob er in jenem Moment seine misanthropische Seite entdeckt hat? Ich weiß es nicht.

Aber näher habe ich mich mit meinem Sohn selten gefühlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.