Ihr seid nicht allein

Ich glaube, als ich etwa zwölf war, wollte ich das erste Mal ein Buch schreiben. Unnötig zu erwähnen, dass es weder damals, noch in den Jahren danach besonders weit gekommen ist. (Ich erwähnte das schon das ein oder andere Mal…) Man hat eine Idee, vielleicht schreibt man sogar eine Gliederung und ein oder zwei Kapitel – und dann war’s das auch. Weil irgendwas im Fernsehen kam. Oder man am Kühlschrank vorbeilief und abgelenkt war.

Jetzt bin ich 33 und werde tatsächlich ein Buch schreiben. Also ich schreibe es. Mit einem Verlag. Mein zwölfjähriges Ich feiert mich gerade derbe, mein jetziges Ich denkt die meiste Zeit nur „Oooooooh. Shit.“

Ich war schon lange vorher von der Illusion geheilt, dass ein Buch zu schreiben eine easypeasy Aktion werden würde. Irgendwas, was man aus dem Ärmel schüttelt. Was man auf dem Klo schreibt. Während (!) man sich die Zähne putzt.

Ich wusste, das würde Arbeit bedeuten. Und Disziplin. Und würde oft auch einfach nichts mit Spaß zu tun haben. Und nun, wo ich mittendrin stecke und nebenher noch Vollzeit arbeite und noch versuchen muss, den beiden Herren zuhause gerecht zu werden, merke ich, wie schwierig das Ganze ist. Alles zu wuppen, den Erwartungen aller Parteien gerecht zu werden. Meinem Arbeitgeber ist es nämlich pupsegal, dass ich ein Buch schreibe, der Familie ist es nicht wichtig, ob die Zahlen bei der Arbeit stimmen und es ist nicht das Problem des Verlages, ob ich auch weiterhin eine gute Mutter sein kann.

Man jongliert, ohne es je wirklich gelernt zu haben und einfach, weil man denkt, dass es ja gehen muss. Dass es eine Sache von Organisation ist. Zeitmanagement. Indem man jede Sekunde plant – den Schlaf, wann und wie man isst, in welchen Momenten man am Besten den Haushalt macht und in welchen man am Buch arbeitet und trotzdem seine 40 Stunden (und mehr) im Büro ist.

Das ist natürlich Bullshit.

Extrem großer Bullshit. Das alles hat nichts mehr mit Doppelbelastung zu tun. Sondern nur mit Irrsinn.

In den letzten Wochen war ich nun so oft an einem Punkt, an dem ich mich körperlich so alle gefühlt habe, dass ich wirklich Angst bekam, was nach diesem Punkt kommen würde. Was geschehen wird, wenn ich diesen Punkt, an dem meine Reserven vollends aufgebraucht sind, passiere, einfach weitermache – weil ich es eben muss.

Es sind genau diese Momente, in denen ich mich frage, wie zur Hölle meine Mutter das damals geschafft hat? Alleinerziehend mit zwei Kindern – das eine über Zeiträume schwer krank und immer wieder im Krankenhaus – und einem Fulltimejob?

Wie machen das all die Mütter da draußen, diese Menschmaschinen?

Wie gesund kann es sein, einfach immer weiter zu machen, weil man eben derjenige ist, der alles am Laufen hält und man weiß, dass es keine Option B gibt. Und wer hat in unsere Köpfchen, unsere klugen Köpfchen, diese wahnwitzige Idee implantiert, wir könnten alles werden und schaffen?

Denn das können wir nicht. Und es ist nicht damit getan, die Wäsche mal liegen zu lassen oder am Freitag mal früher Schluss zu machen oder am Wochenende eine Stunde länger zu schlafen. Nicht solange wir weiter mit so vielen Bällen gleichzeitig jonglieren. Nicht, solange der Tag nur 24 Stunden und man selbst einen Körper hat, der auch mal richtig ruhen muss und möchte und soll.

Dieser Beitrag hat kein Fazit. Keine wirkliche Conclusio, keine Lehren, die er weitergeben kann. Er hat nur eine Botschaft an all die Frauen da draußen, die verzweifeln, die abends heulend in ihre Kissen beissen, die glauben, sie müssen immer stark sein und funktionieren, weil ja alle anderen offenbar auch immer stark sind und funktionieren, die das kalte Kotzen kriegen, wenn sie die neuen Staubschichten in ihrer Wohnung, die Wäscheberge, die dunklen Schatten unter den Augen sehen:

Ihr seid nicht allein. Auch wenn es die anderen Mütter in der Kita, auf den Spielplätzen, im Büro nicht immer laut sagen und wenn, dann lediglich flüstern: Ihr seid nicht als einzige müde und ausgelaugt und wollt manchmal schreien, bis die Erde bebt. Ihr seid nicht allein mit dem Gefühl manchmal zu versagen und nicht zu genügen.

Ihr. Seid. Nicht. Allein.

Nachtrag vom 9. Mai 2016:

Kurz nach Veröffentlichung des Posts wurde kommentarmäßig direkt mal in den Ring geworfen, was denn mit den Männern sei. Nun, die sind auch nicht allein. (Hätten wir das hiermit auch klargestellt.) Und es ist selbstverständlich geradezu fahrlässig, um nicht zu sagen, eine bodenlose Frechheit, dass ich, eine Frau und Mutter in meinem privaten Blog die Bedürfnisse und Ängste und Nöte des Penis Mannes so völlig außer achtgelassen habe. Shame on me. Ist ja nicht so, als wenn es hier um etwas völlig anderes gehen würde. Und wo kommen wir denn da hin, wenn ich immer nur über meine Welt und meine Sichtweisen schreiben würde, hier, in meinem Blog. <3

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