Irgendwas mit Dreißig

Wenn mich jemand fragt, wie alt ich bin, möchte ich einfach nur „Irgendwas mit Dreißig.“ sagen. Nicht, weil ich ein Problem mit dem Altern habe – zum einen wäre das mit Anfang Dreißig auch ein wenig albern und/oder hysterisch, zum anderen mache ich sowas nicht an einer Zahl, sondern dem Äußeren fest, ich oberflächliches Miststück -, sondern, weil ich schlichtweg vergessen habe, wie alt ich gerade bin und eben nur noch weiß: „Irgendwas mit Dreißig.“

Jetzt gerade weiß ich mein Alter, aber das auch nur, weil ich unlängst Geburtstag hatte. In einer Woche, in einem Monat, in drei Monaten, werde ich bei der Frage meine Stirn in altersgerechte Falten legen, meine Nase kräuseln und rechnen müssen. 2015-1982.. Zwei im Sinn.. Dreiunddreißig!

Das liegt einfach daran, dass Geburtstage ab dem Moment, in dem man die Zwanziger verlässt, jegliche Bedeutung verlieren. Als Kind ist jeder Geburtstag ein einzigartiges Erlebnis, der Höhepunkt des gesamten Jahres, an dem es endlich all die Sachen zu essen und die Dinge zu spielen gibt, nach denen man sich die restlichen 364 Tage verzehrt hat. Dann wird man 18 und endlich ist man erwachsen, darf wählen, Auto fahren und harten Alkohol trinken. Also legal! Ab da ist jeder Geburtstag ein weiteres Jahr, das die Verwandtschaft dazu nötigt, einen weniger wie ein Kind zu behandeln. Unabhängig davon, dass Vati immer noch die Versicherung für’s Auto zahlt und Mutti am Wochenende erstmal ihre Bolognese machen muss, weil man die gesamte Woche von Toast mit Mortadella gelebt hat.

Die Jahre 19 bis 25 sind die Besten im Leben eines Menschen. Alles liegt noch vor einem. Zumindest glaubt man das. Man hält sich für unbesiegbar. Wunderschön. Und unfassbar schlau. Realität ist halt nicht jedermanns Sache. Muss ja auch nicht.

Dann wird man 26 und ist plötzlich on the wrong side of 25. Nach und nach hören einem die Erwachsenen tatsächlich zu. Nach und nach merkt man, dass hier und da was am Körper zu schlabbern anfängt. Nach und nach muss man selbst die Versicherung für’s Auto zahlen.. und die Krankenversicherung.. und die Rentenversicherung.. und die Nebenkostennachzahlung.. Und schwuppdiwupp ist man Anfangmitteendedreißig und muss bei der Frage, wie alt man ist, erstmal ein wenig nachdenken.

Verständlich. Man hat ja genug andere Sachen im Kopf. Wurde eigentlich die Miete schon abgebucht? Wann war ich eigentlich das letzte Mal bei der Vorsorge? Wo finde ich nur ein Guglhupf-Rezept ohne Gluten für den Kindergeburtstag?

Daher glaube ich auch inzwischen, dass Frauen, die über einen längeren Zeitraum behaupten sagen, sie seien 29, das nicht tun, weil sie nicht damit zurechtkommen, dass sie nun 36 sind, sondern schlicht, weil sie genug andere Dinge im Kopf haben und es einfach keine Rolle mehr spielt, ob du 31 oder 38 bist. Die nächsten Geburtstage sagen nur aus, dass du es geschafft hast, ein weiteres Jahr zu überleben und dem Mindesthaltbarkeitsdatum deines Körpers ein Schnippchen zu schlagen. Darüber kann man sich natürlich freuen, das sollte man sogar, aber die Zahl dazu muss man sich nun wirklich nicht merken. Sie spielt keine Rolle mehr und wird unter ferner liefen abgespeichert.

Nicht, weil man so furchtbar eitel ist. Sondern, weil es schlicht furzegal ist. Und das menschliche Gedächtnis begrenzt ist und der Platz für wichtigere Sache gebraucht wird.

Zum Beispiel welcher Sushi-Lieferdienst auch sonntags liefert. Wie viele Kalorien ein Schoko-Himbeer-Cupcake hat. An welchem Tag das Gehalt überwiesen wird. Wie viel Datenvolumen noch übrig ist. Wann der Lieblings-Tatort läuft. Wie viele Mozzarellaklumpen auf eine Pizza passen.

Das Leben ab Dreißig ist voller Dinge, die weitaus wichtiger sind als die Antwort auf die Frage: „Wie alt bist du?“

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