Filterlos

Hören Sie das? Nein? Ich auch nicht. Schön, nicht wahr? Diese Stille. Kein Pieps, kein Laut. Nur das leise Brummen der Straße vor unserem Haus. Zauberhaft.

Seit kurz vor zehn sind sie weg. Und ich alleine. Und ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal wirklich alleine war. Hier in der Wohnung. Vielleicht, wenn ich Glück habe, kommen sie heute gar nicht mehr wieder. Bleiben über Nacht im Münsterland. Münsterland – das ist super weit weg. Gefühlt so weit wie Moskau. Oder Ulaanbaatar. Das ist so weit weg, dass selbst wenn der Mann anruft, um zu sagen, dass sie jetzt losfahren, sie erst in Stunden hier sein werden. IN STUNDEN!

Bis dahin stehe ich einfach nur ein wenig in der Küche, ohne eine konkrete Absicht oder einen Plan, und bade in der Stille. Es ist ja nicht nur die Stille um mich herum. Sie ist auch in mir. Sickert durch mich durch. Als wäre meine Haut aus Watte. Mir fiele sicherlich noch ein biologisch-chemisch passenderes Beispiel ein, wenn ich im Chemie-Unterricht besser aufgepasst hätte. So bleibt es bei Watte. Passt trotzdem gut. Watte mummelt einen zwar dick ein und sieht flauschig und gemütlich aus, aber sie lässt Licht durch und Geräusche und Gerüche – und erwähnte ich schon die Geräusche? Watte sieht eigentlich nur gut aus und das war’s schon und aus irgendeinem Grund hat Gott mich aus Watte gemacht und dafür gesorgt, dass ich keine Filteranlagen habe. Jedes scheiss Klärbecken hat eine Filteranlage, selbst der Wasserkocher in der Büroküche hat einen. Ich nicht.

Fiiilterlooos durch die Nacht! – Entschuldigung.

Das Dumme an filterlosen Menschen ist ja, man kann uns nicht nachrüsten. Es gibt kein Upgrade. Hin und wieder klappt das mit Alkohol. Dann wird die Watte dichter und dichter, bis einen ein süßer Schleier kompletter Gleichgültigkeit umgibt, aber ich bin jetzt 34 und weiß, der süße Schleier der Gleichgültigkeit ist nicht besonders süß, wenn man ihn mehr als zweimal im Monat praktiziert. Für andere Drogen bin ich zu unbedarft. Außer Essen. Aber das lenkt nur kurz ab. Und macht fett. Auch so eine Sache, die man ohne Filter nur schwer im Spiegel ertragen kann.

Zu wissen, dass die beiden Krawallmänner bald wieder da sein werden, verdränge ich im Moment. Verdrängung ist ohnehin das wichtigste Werkzeug im Leben eines Filterlosen.

Und bis dahin stehe ich hier einfach noch ein bisschen rum und genieße die Stille.

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