Nicht besonders gut

Jedesmal, wenn ich Facebook aufmache, steht da diese Frage. „Was machst du gerade?“

Tagaus, tagein, seit Jahren dieselbe Frage.

„Nicht viel, Facebook, nicht viel,“ denke ich dann nur und schreibe es nicht, denn wir wissen ja alle, dass niemand lesen will, dass man gerade nichts macht. Und das nicht mal besonders gut.

Denn auch im Jahr 2022 stellen wir primär nur das ins Netz, was wir besonders gut machen, unsere hübsch drapierten Mahlzeiten, unsere enormen Abnehm- und Fitnessfortschritte, unsere flauschigen Haustiere, unsere krass individuelle Inneneinrichtung und natürlich die Urlaubsfotos, wir von hinten fotografiert, wie wir aufs Meer zugehen, den Arm hinter uns, den Instagram-Husband wie einen Praktikanten hinter uns herziehend, poste und schreibe ich aktuell eher nichts.

Bald fangen die ersten an bild- und hashtaggewaltig zu demonstrieren, was sie in der Weihnachtszeit besonders gut können: die leckersten und/oder gesündesten Weihnachtscookies, die romantischsten Fotos im Schnee (mit langem Strickpulli, Ugg-Boots, keine Hose), den prachtvollsten Weihnachtsbaum und die liebevollsten verpackten Geschenke.

Und so oft wir auch sagen, wie toll wir Authentizität finden: die Fotos im Schnee kriegen die Likes, die Fotos mit Cellulite die Hasskommentare. Da ist also noch ordentlich Luft nach oben. Heute wie morgen gibt es von mir keins von beidem: weder glattrasierte Beinchen im XXL-Pulli, noch zum Zwecke des Selbstliebe-Beweis irgendwas mit Dellen am Torso.

Stattdessen, da Facebook es ja so dringend wissen will und es daher sicherlich auch ausserhalb von Facebook ein reges Interesse herrscht: Zu Mittag gab es heute Pasta aus einem Becher, in den ich heißes Wasser gekippt habe, ich trage seit 24 Stunden die selbe Leggings, die inzwischen mehr aus Hundehaaren als aus den ursprünglichen Materialien besteht, die eigenen Haare wurde nicht gekämmt, sondern kunstvoll in einem keltisch anmutenden Knoten auf der oberen Schädeldecke gebändigt, aber hey, Zähne hab ich geputzt, ein Erfolg durchaus, auch wenn es nicht für ein Selfie reicht.

Ich werde sicherlich bald auch mal Weihnachtscookies backen, aber vermutlich alle aufessen, bevor ich die Chance hätte, sie zu fotografieren. Und das ist okay so. Ich versuche über die Runden zu kommen, mental und körperlich, jeden Tag aufs Neue zu überstehen. Ich esse, was die wenigste Arbeit macht, ziehe das an, was am bequemsten ist und bürste meine Haare, wenn ich das Haus verlassen muss. Wenn man mich fragen würde, wie es gerade läuft, wie ich so alles händel, würde ich sagen: Nicht besonders gut. Und gleichzeitig: Wer behauptet denn, dass alles immer gut laufen muss, dass man immer mit allem gut zurechtkommen muss? Hin und wieder reicht es eben einfach, es lediglich durchzustehen und weiterzumachen.

Das geht also raus an alle, deren maximale Leistung heute im Bestellen einer Pizza oder das Rausbringen des Mülls war: Ihr seid nicht allein. Ihr seid nicht die Einzigen. Auch wenn das Gefühl, um euch herum schlagen sich alle besser, manchmal überwältigend ist. 💛

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