Normalsterblich

Ich bin krank. Also so richtig. In der November-Ausgabe von MÄNNERGRIPPE AKTUELL wird es ein Din A3-großes Poster mit meinem virenverseuchten Konterfei geben. Vielleicht lasse ich auch Autogrammkarten drucken. Mal sehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank bin. Letzten Winter, als der Antichrist in die Kita kam, verwandelte er sich in eine Petrischale auf zwei Beinen, die einen ständig mit dem neuesten, heißen Scheiss aus der bunten Welt der Infektionen versorgte. Es war ein Fest. Schon damals war mir klar, oha, bist nicht mehr ganz so fit wie vor ein paar Jahren.

Und nun das. Da arbeitet man einmal in seinem Leben ein paar Wochen lang jeden Tag zehn bis elfhundert Stunden, macht nur Power-Napping, wenn man gerade auf dem Klo sitzt, und ernährt sich primär von Mate, Cola und Weihnachtslebkuchen, und BÄMM! wird man dahin gerafft, wie so ein Normalsterblicher.

Es ist schlimm, sich einzugestehen, dass man nicht mehr zwanzig ist. Dass man zu wenig Schlaf nicht mehr mit genügend Red Bull ausgleichen kann. Dass im Mango-Orangen-Shampoo keine Vitamine sind und man tatsächlich Dinge wie Gemüse essen muss. Dass der Körper irgendwann an einen Punkt kommt, an dem er bockt und sagt: „So, die letzten zehn Jahren waren ja ganz lustig, der Alkohol, das Koffein, die durchlernten Nächte während des Studiums, aber nun ist auch mal gut und ich hätte jetzt gerne meine acht Stunden Schlaf und außerdem meine Mineralstoffe!“ Und wenn man das dann nicht macht, dann macht der Körper zu, schließt die Pforten, bzw. öffnet sie wie eine breitbeinige Hure für alle Viren, und zwingt dich einfach dazu.

Und dann sitzt du hier, in Berlin, und musst zum Arzt, weil man ja eine Krankschreibung braucht und keine Mutti mehr da ist, die sie einem ausfüllen kann. Und plötzlich ist man das erste Mal in seinem Leben bei einem Homöopathen. Weil man eben einen neuen Arzt braucht und denkt, na, der ist doch auch normaler Hausarzt, der wird einem doch auch normale Sachen verschreiben können. Richtige Medikamente.

Und dann weißt du nicht, was dich mehr irritiert: Die Plakate für homoöpathisches Lifting im Wartezimmer, der riesige Labrador im Sprechzimmer (nachdem du auf dem Anamnese-Bogen gerade deine Hunde-Allergie kundgetan hast) oder der Schrank mit den 7348742398387623z83280238923823664 Globuli-Flaschen.

15 Minuten später stehe ich mit einem Rezept, auf dem ein lustiges „Medikament“ mit der Wirksamkeit von Tic Tac steht, in der Apotheke, sage Dinge wie „Haben Sie das gleiche nur in richtig?“ und nehme mir ganz, ganz fest vor, von nun an gesünder zu leben. Wirklich. Wirklich!

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