Poppenbüttel

Hamburg-Poppenbüttel. Für mich gibt es eigentlich nur einen Grund nach Poppenbüttel zu ziehen und das ist, um sagen zu können, dass man in Poppenbüttel wohnt. Ich habe einen sehr infantilen Humor und stehe dazu.

Also sehen wir uns eine Wohnung in Poppenbüttel an. Über 100qm, 2 Bäder, vier Zimmer, Terrasse. Erdgeschoss. Damit man den Einbrecher besser zuwinken kann, wenn sie die Gegend ausspionieren. Das Haus liegt an einer Hauptverkehrsstraße. So etwas braucht selbst Poppenbüttel. Allein schon für all die Menschen, die ganz schnell da wieder weg wollen.

Uns öffnet die aktuelle Mieterin. Vermutlich Mitte/Ende Dreißig. Mit der Ausstrahlung einer Frau, die innerlich aber sehr alt ist. Vermutlich schon alt geboren wurde. Irgendwann zum Beginn der Hexenprozesse. Bei denen sie ihrer Mimik zufolge wahrscheinlich damals eifrig mitgemischt hat und seitdem immer ein Zippo in der Hosentasche hat.

Die Zimmer sind dunkel, die Möbel zum Teil sorgsam gepflegtes und geerbtes Mobiliar. Ich schätze aus der Zeit Heinrich VIII. Zumindest wirken sie ähnlich fröhlich. Die anderen Möbel sind von IKEA. Sagt sie. Interessant zu sehen, dass man sich auch mit IKEA-Möbeln extrem beschissen einrichten kann. Alles schreit nach „Hier wird nicht gelacht! Und wenn doch bitte aus Scham darüber direkt im Anschluss gestorben!“

Als letztes sehen wir das Schlafzimmer, in dem ein gefühlt 4qm großes Bild des sich küssenden Brautpaars hängt. Mit pompösem Goldrahmen. Ein Blick auf das Bett, wuchtig, schwer, dunkles Holz, hier sind schon Generationen an Großeltern drin verstorben und nur sehr wenige Generationen gezeugt worden, und man kann sich vorstellen, was hier sonst so passiert. Fußnägelknipsende Ehemänner auf dem Bettrand. Lange, bis zu den Knöcheln reichende Nachthemden. Aus Flies. Mit kleinen, neckischen Blümchen. Hochgeschlossen. Beim Sex bleibt das Licht aus und die Socken an. Bitte nicht dabei angucken, am Besten so tun, als wäre der andere gar nicht da, dann ist es auch ganz schnell vorbei. Ist ja ohnehin nur zweimal im Jahr. Man hat ja schon zwei Kinder und für was anderes ist Coitus nicht gedacht.

Auf dem Weg nach draußen streift der Blick eine Reihe von Bibelzitaten. Auf Leinen gestickt. Ja, hier rockt der Bär, hier ist der Fun zuhause, hier möchte ich leben, denke ich und hauche ein leises „Nicht.“ hinterher. Nicht, um nur sagen zu können, dass ich in Poppenbüttel wohne.

Poppenbüttel.

Hihi.

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