Selektion statt Exklusion

Jeder war vermutlich schon mal in einer Beziehung, bei der man weiß, dass sie so nicht mehr funktioniert, dass man sich auseinander gelebt, verändert hat. Wenn man mehr damit beschäftigt ist, sich zu ärgern und über den Partner zu motzen, als die gemeinsame Zeit zu genießen. Wenn immer wieder die Frage aufkommt, ob es nicht besser wäre, getrennte Wege zu gehen.

Und was für die Beziehung Mensch zu Mensch gilt, gilt nicht selten auch für die „Beziehung“ Mensch und Internet.

Wie ich schon schrieb, hat sich meine Beziehung zum Netz und den Menschen darin in den letzten Jahren geändert. Das ist kein Vorwurf. Alles und jeder hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Milch, Meerschweinchen, Freundschaften. So ist das Leben. Nichts bleibt, wie es ist.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich das Netz nicht wirklich zum Meinungsaustausch eignet. Sondern vorrangig zur Meinungsverkündung.

Leichtfertig geäußerte Gedanken werden missverstanden. Sätze, die man einer „realen“ Person nie ins Gesicht sagen würde, werden viel zu schnell gesagt. Hemmungen schwinden. Genauso wie die Geduld und generell der Anstand.

Und wie bei jeder Beziehung, bei der man das Gefühl hat, sie funktioniert nicht mehr, stellt man sich die Frage, wie man nun handeln soll. Vor allem, wenn eine Trennung nicht wirklich eine Option zu sein scheint. Es sei denn, man meldet sich überall ab und zieht in eine Höhle.

Öpve war gestern

Wie soll man als User und Onliner mit der Flut an ungebetenen Kommentaren, der unbändigen Menge an verstörenden Meinungen, aber auch der eigenen, immer stärker werdenden Dünnhäutigkeit umgehen? Mit dieser Vertrollung des Netzes und digitalen Verrohung?

Können wir uns das Netz schön blocken? 

Der Blockfinger sitzt in dieser Zeit lockerer. Ein Gedanke, der nicht in meine Filterblase passt. Ein Satz, der in mir etwas auslöst, mit dem ich mich nicht auseinander setzen will. Ein Tweet, der einfach nur zur falschen Zeit gesendet wurde. BLOCK!

Und ja, ein lockerer Blockfinger kann durchaus Wunder bewirken. Einfach die Menschen aussperren, an denen man sich reibt, die stören, nerven, verängstigen und verärgern. Warum soll man sich im Netz mit Menschen auseinandersetzen, mit denen man im analogen, privaten Leben auch nie ein Wort wechseln würde?

Aber es gibt einen Unterschied: Denn auch wenn das Netz inzwischen einen großen Teil unseres Lebens ausmacht, ist es vorrangig ein öffentlicher Teil unseres Leben. Wir reden hier nicht nur mit unseren Freunden in einem geschlossenen Raum. Wir plärren ununterbrochen unsere Gedanken heraus und stoßen auf andere Menschen, die nicht einfach nur dasitzen und konsumieren, sondern ebenfalls rumplärren. Laut und durcheinander.

Der Wunsch nach ein wenig Ruhe und Klarheit und Frieden ist verständlich. Nur in Tagen wie diesen ist der Rückzug in die eigene Filterblase, in der man nichts mehr sieht und hört, was man nicht mag, auch zugleich eine politische Entscheidung.

Denn die Menschen, an denen wir uns stören, sind weiterhin da. Und wer ausschließlich in seiner rigorosen Filterblase lebt, läuft durchaus Gefahr den Blick für das zu verlieren, was außerhalb davon in der analogen Welt passiert. Stichwort „Davon haben wir nichts gewusst!“

Das Bedürfnis, Mechanismen des analogen Lebens auf das digitale anzuwenden, ist nachvollziehbar. Es funktioniert nur leider nicht. Nicht wirklich und vor allem nicht auf Dauer.

Nur kann man von niemandem erwarten, sich allem ständig auszusetzen. Ständig in Dialog zu treten. Versuchen, Missverständnisse zu klären. Sich selbst erklären. Anderen etwas erklären. Oder schlicht zuzuhören. Das ist eine Aufgabe, der selbst Sisyphos sich verweigern würde.

Was also tun?

Um es vorweg zu nehmen: Eine allgemeingültige Antwort habe und kenne ich nicht. Wie auch? Dafür ist jeder User letztlich zu unterschiedlich. Seine Bereitschaft in Dialog zu treten zu verschieden. Die Gefühlswelt und das Frustrationsniveau jedes Einzelnen zu schwankend.

Ich kann nur für mich selbst entscheiden. Und das habe ich:

  • Solange ich einen öffentlichen Blog mit Kommentarfunktion bzw. eine Facebook-Seite führe, muss ich damit rechnen, dass sich Menschen dorthin verirren, die den Intellekt einer Qualle haben und die Beweise ihrer verbalen Inkontinenz ebendort hinterlassen. Das muss ich akzeptieren. Punkt.
  • Es ist aber ein Irrtum jedes Lesers oder Kommentierers, dass er irgendwelche Rechte hat oder seine Erwartungen, ich müsste auf ihn so oder so reagieren, auch nur ansatzweise eine Rolle spielen würde. Das ist allein sein Problem. Punkt.
  • Ich werde den Rückzug ins Private starten. Einen 7.000er Twitter-Account auf privat zu setzen, halte ich für eine relativ beknackte Idee, aber ich werde zukünftig mehr zwischen meiner privaten und öffentlichen Nutzung des Netzes unterscheiden. Das bedeutet, Accounts auseinander dividieren und ggf. löschen, bestimmte Gedanken nicht mehr einfach herausplärren, vielleicht auch einfach mal den Mund halten. Man kann nicht von anderen Höchstleistungen in Sachen Selbstreflexion erwarten, wenn man sich selbst im Netz wie ein Zwölfjähriger aufführt.
  • Weg von einer starren Filterblase, die mir ein Gummibärchenbande-Wunderland vorgaukelt, und lieber mehr Menschen lesen und folgen, die einen inspirieren, Wege und Ideen aufzeigen und ermutigen, konkret etwas zu ändern. Das bedeutet auch, weniger in den sozialen Netzwerken herumzudümpeln und planlos alles zu konsumieren, was einem vor die Iris kommt. Selektion statt simpler Exklusion.

Ist das die Weisheit letzter Schluss? Sicher nicht. Aber alles um uns herum, sei es nun analog oder digital, ist einem ständigem Wandel unterworfen. Zu glauben, das Netz würde immer so bleiben, wie es ist, ist naiv. Und zu glauben, man selbst müsse seinen eigenen Umgang mit dem Netz und vor allem sich selbst, nicht immer wieder hinterfragen, übrigens auch.

Im Netz ist nicht mehr oder weniger Liebe als im analogen Leben. Die Menschen sind hüben wie drüben dumm, schlau, laut, leise, weltoffen und rassistische Schmocks. Und hier wie dort können wir sie nicht ändern. Aber uns selbst ändern – das können wir.

Digital wie analog.

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