Tag 1

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Ich stelle mir den Wecker auf halb sieben. Urlaube, die mit einem Weckerklingeln um 6.30 Uhr beginnen, können keine gute Urlaube sein. Ich gehe noch weiter: Können keine Urlaube sein.

Aber vorbei sind die Zeiten, in denen man einfach drei Shirts, Rei in der Tube und eine Packung Batterien für den Walk-Man in den Rucksack schmiss und losfuhr. Der Sonne entgegen. Wenn man mit Kleinkind verreist, ist es ein bisschen so, als würde man in den Krieg ziehen wollen: Man muss auf alles vorbereitet sein. Alles!

Hat man ja bei Napoleon gesehen. Oder Hitler. Sind beide einfach so nach Russland und plötzlich war beschissenes Wetter und sie saßen da. Das würde mir nicht passieren. Ich würde genügend Brettspiele und Malstifte mitnehmen, dass wir einen ganzen verfickten Winter dort ausharren könnten. Also an der Nordsee. Nicht Russland. Niemand möchte nach Russland. Niemand außer Diktatoren. Obwohl die Grenze zwischen Müttern und Diktatoren ja bekanntlich eine fließende ist.

In den kommenden Stunden bis zur Abfahrt packe ich Koffer, Einkaufskörbe, Strandtaschen. Ich schmiere Brote, fülle Trinkflaschen ab und schneide Brownies in die richtige Form für die Bento-Box. Gut, dass ich Examen habe, denke ich zwischendurch. So wurde ich perfekt auf so hochintellektuelle, logistisch herausfordernde Prozesse vorbereitet.

Um 12.00 Uhr fahren wir los, in Hamburg hängen die Wolken mal wieder tief, der Abschied fällt nicht schwer. Zwei Stunden später rollen wir durch Nordfriesland und werden von verschiedenen Rudeln beigefarbener Rentnern begafft. Man ist so junges Fleisch hier nicht gewohnt, ich bin nicht sicher, aber der ein oder andere sieht aus, als würde er sich eine Spur zu langsam über die Lippen lecken, als er im Schneckentempo auf seinem Elektrofahrrad an uns vorbeifährt.

Wir finden unser Ferienhaus, wir laden aus, wir fahren zum Supermarkt – der touristenfreundlich auch an einem Sonntag geöffnet hat. (Fast wie in Berlin hier!) Und eine Stunde später laufen wir gen Meer. Der Wind ist erst unbarmherzig, dann reißt der Himmel auf. Wir sammeln Muscheln, der Antichrist lässt seinen ersten Drachen steigen und der Mann erkundigt sich nach Kitesurfing-Kursen – etwas, zu dem ich ihn durchaus ermutige, da ich mir das Spektakel unfassbar amüsant vorstelle und plane, alles – und mit alles meine ich vorrangig ihn im Neopren-Anzug – zu filmen.

Am Ende des Tages bin ich müde. Vom vielen Laufen, von der Nordseeluft oder nur von den letzten Monaten – ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Das ist okay. Im Urlaub dürfen einem Dinge nämlich egal sein.

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