Die Sache mit der Selbstwahrnehmung

Die Sache mit der Selbstwahrnehmung ist zuweilen bizarr. Warum ist man im Hier und Jetzt ständig voller Selbstzweifel, wenn nicht Selbsthass, findet sich selbst zu dick, zu hässlich, zu blöd – ist generell mit sich so unzufrieden, konzentriert sich auf seine Makel, egal, ob es diese tatsächlich überhaupt gibt?

Nur um dann im Rückblick, manchmal Jahre später, Fotos oder andere Momentaufnahmen von sich zu finden, bei denen man sich noch ganz genau an die eigene Selbstwahrnehmung in jenem Moment erinnert – nur dass die Wahrnehmung nun, aus der zeitlichen Distanz heraus, plötzlich eine ganz andere ist.

Es hat etwas irritierendes, sich selbst zu sehen und eben nicht mehr das zu sehen, wovon man damals glaubte, dass es für alle offensichtlich war: Dass man zu dick sei, dass man sich in seinem Körper nicht wohl fühlte, dass die Klamotten nicht dort saßen, wo sie sollten, dass das Letzte, was man genau jetzt gebrauchen konnte, ein anderer Mensch war, der ein Foto von einem machte. So ganz ohne Filter auch noch.

Dieses Foto hier ist ziemlich genau vier Jahre alt. Es entstand Anfang September 2015. Ich habe alles an dem Tag gehasst. Die Hitze an jenen Tagen, den Umstand, dass dies das einzige passende Top war, dass ich bei ekelhaften Temperaturen um die 30 Grad tragen konnte, dass ich eigentlich dringend zum Friseur musste – und dass ich mich, fast drei Jahre nach der Geburt des Antichristen immer noch in einem körperlichen Zustand befand, in dem es mir schwerfiel, Dinge wie Selbstliebe und Bodypositivity erfolgreich zu praktizieren.

Wenn ich jetzt dieses Foto sehe, sehe ich nichts von alldem.

Okay, zum Friseur hätte ich damals wirklich mal wieder gemusst. Aber ansonsten sehe ich nur eine Frau Anfang Dreißig, die lacht. Aufrichtig, authentisch, herzlich.

Und dass ich inzwischen dieses Foto sogar mag, gibt mir zu denken.

Wie oft sind wir zu hart zu uns, wenn wir vor dem Spiegel stehen? Wie oft finden wir unsere Nase zu groß, die Brüste zu klein, zu groß, zu schlaff, ärgern uns über eingewachsene Haare an Stellen, wo wir am liebsten gar keine Haare hätten, während das Haar auf unserem Haupt nie so aussieht, wie es soll, sondern zu dünn, zu wirbelig oder sonstwie unnötig anarchisch vor sich hinvegetiert. Von der Körperform an sich wollen wir gar nicht erst anfangen. An der einen Stelle ist zu viel da, an der anderen zu wenig, da ist eine Beule, hier ist eine Delle, wieso sieht es hier wie eine Orangenfarm aus und dort, als hätte man sich seit 1791 nicht mehr eingecremt? Und irgendwann sollten wir auch mal offen darüber sprechen, wie gruselig es ist, wenn die eigenen Bauchfalten im Sommer anfangen zu schwitzen als würden sie auf eine hygienisch fragwürdige Weise die Niagarafälle imitieren.

Wie lächerlich und klein einem diese Selbstzweifel, dieses Rummäkeln, dieses grenzenlosen Beschäftigen mit der eigenen, vermeintlichen Mangelhaftigkeit vorkommt, wenn am Ende ein Foto nichts davon belegt – sondern nur einen Menschen zeigt, der herzhaft lachen muss.

Ein wenig mehr Unbeschwertheit

„Und, bist du wegen der ersten Klasse schon aufgeregt?“
„Und wie!“ posaune ich.
„Ich habe mit deinem Sohn geredet, Claudia.“
„Oh,“ ich schaue ihn an, das Kind schüttelt mit grandioser Gleichgültigkeit den Kopf „Willst du vielleicht jetzt nochmal mich fragen?“

Ich erinnere mich nur bruchstückhaft an die Tage oder Wochen vor meinem eigenen Schulanfang. Damals. Kurz nach’m Krieg. Aber Hölle nochmal. Ich weiß, dass ich aufgeregt war. Mit Recht. Die Jahre, die zwischen meiner Einschulung und meinem Abitur lagen, waren die aufwühlendsten, ätzendsten, schwierigsten und vor allem fremdbestimmtesten meines (bisherigen) Lebens.

Und dachte ich in den vergangenen Wochen an die nahende Einschulung des Antichristen, dachte ich vor allem daran: An Klassenkameraden, mit denen man sich gut versteht und gar nicht, an Grüppchenbildung, an inkompetente Lehrer, an unfaire Lehrer, an Arschlochlehrer, an Menschen, die einen missverstehen und in Schubladen packen, statt zu helfen. An Klausuren, für die zu spät gelernt wurde, an Stunden, die geschwänzt wurden, und Zeugnisse, die beides ans Tageslicht brachten. Ich dachte an Ungewissheit, Stress und 1/4 meines Lebens, den ich mit diesem ganzen Schmonsens verbracht habe – nur um dann nochmal etwa zehn Jahre zu brauchen, bis ich mich selbst wieder fangen konnte.

Ich dachte daran, dass ich all das für mein Kind nicht möchte. Dass ich mir ein wenig mehr Leichtigkeit wünsche. Ein wenig mehr Unbeschwertheit. Ein wenig mehr Kindheit.

Und da ich – aufgrund meiner Schulzeit – Lehrern nur so weit vertraue, wie ich sie werfen kann, weiß ich, es wird an mir liegen. Ich finde es durchaus nachvollziehbar, dass diese Vorstellung ein klein wenig für Aufgeregtheit meinerseits führt(e).

Ich habe keine Ahnung, wie die nächsten vier Jahre verlaufen werden. Welche Höhen und Tiefen jeden Morgen hinter der Eingangstür der Schule lauern. Ob überhaupt irgendwas lauert.

Vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass er selbst sich so gar keine Gedanken macht. Gar nicht aufgeregt ist. Alles und jedem beinahe schon stoisch entgegensieht. Das mit den Gedanken machen und den Sorgen – das kommt schon noch früh genug. Und bis dahin ist das einfach weiterhin mein Job.