Zeitkapsel

Kaum vorstellbar, aber es gab einmal eine Zeit, bevor ich alles, was mir so durch den Kopf ging, ins Internet schrieb. Zumindest behaupten das die gestern gefundenen Notizbücher.

Ich befinde mich seit geraumer Zeit im Ausmiströdelwegwerfwahn, der durch aktuelle und sich ständig neu erfindende Umzugspläne auch noch befeuert wird, und im Zuge dessen fielen mir ca. 37kg an Moleskine-Büchern in die Hände.

Tagebücher. Notizbücher. Kein Hello Kitty. Kein Snoopy. Kein Flausch. Blankes, nacktes Schwarz.

Die Tagebücher mit Ephemerides betitelt, was einem Proseminar über Alexander II. geschuldet ist. Und meiner Hybris. Vor allem meiner Hybris.

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Die Inhalte meiner Tagebücher sind von bemerkenswerter Langweiligkeit, was vor allem daran liegt, dass meine Welt eine kleine ist und sich die Themen darin nicht nur einfach ständig und ständig wiederholen, sondern sich auf eine beinahe pathologische Weise im Kreis drehen und sich in den Arsch beißen. Ich vermute und hoffe, ich werde nie eine Phase in meinem Leben erreichen, in der ich das Bedürfnis verspüre, das Niedergeschrubene noch einmal durchzulesen. Daher war der gestrige Weg zum Mülleimer auch kurz und leicht zu bewältigen.

Man stelle sich nur vor, dass sie nach meinem Ableben irgendjemandem in die Hände fallen und meine zutiefst misanthropische und neurotische Seele offenbar und öffentlich wird!! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder wüsste und nachlesen könnte, was in meinem Kopf so vor sich geht?!

Mit meinen Notizbüchern sieht es ein wenig anders aus. Sie sind Zeugnis einer Ära, in der ich noch nicht das iPhone aus der Jackentasche hangelte, um im Bus meine Gedanken zu meinen deoverweigernden Mitmenschen in 140 Zeichen zu bannen. Sie sind Primärquelle einer Zeit, in der ich meine Gedanken mit niemandem geteilt habe, außer mit mir selbst. Sie sind Teil meines Inneren, gehören nur mir alleine.

Anhand der Schrift lässt sich erahnen, wo sich die Zeilen aus meinen Gehirnwindungen über den kleinen Reisefüller ihren Weg auf das Papier bahnten. Während einer Busfahrt. Zuhause am Schreibtisch. Zitate und Aphorismen von Canetti und Bryson poppen mir entgegen, erinnern mich an längst vergessene Bücher, die ich damals angebetet habe. Ideen, Gedankengänge und Fantastereien, bei denen mir urplötzlich wieder einfällt, wo und wann und wie ebendiese zustande kamen.

Worte und Sätze wie aus einer kleinen Zeitkapsel, einer mentalen Schatztruhe. Worte, die man ansehen, berühren und mit denen man zurückreisen kann, an den Tag, in die Zeit, in der man sie niederschrieb.

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Etwas, was ein Tweet in dieser Art und Weise nicht kann..

In diesem Sinne.