ÖDÖN (reloaded)

Ödön von Horváth sagte: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“ und sprach mir damit unbekannterweise aus der Seele.

Ich bin nämlich eigentlich auch ganz anders. Oder ich sehe mich eigentlich anders, als ich bin. Oder ich wäre gern anders, als ich bin.

Zum Beispiel wäre ich gerne Weintrinker

Rotweintrinker um genau zu sein. Ich mag nur keinen Wein, ich verabscheue ihn sogar, was es außerordentlich erschwert. Außerdem hätte ich gerne einen Bart. Weil ich gerne ein Mann wäre. Weil männliche Schriftsteller und Künstler eine ganz andere Ausstrahlung haben und nie jemand zu ihnen sagt, sie sollen nicht so hysterisch sein. Das klingt sehr erstrebenswert und liegt sicherlich am Penis.

Eine Brille würde ich auch als Mann tragen, das gibt dem Ganzen so einen intellektuellen Touch. Aber ich würde rauchen. Pfeife denke ich. Oder Zigaretten wie Gauloises, weil’s so schön klingt. Goooluuuaaa.

Und wenn ich so wäre, wie ich eigentlich denke, dass ich bin (können Sie mir noch folgen?), hätte ich auch keine Katze. Obwohl ein struppiger Streuner sicherlich wunderbar zu einem pfeiferauchenden, weintrinkenden Schriftsteller passen würde …

Obwohl ich als dieser Mann selbstverständlich nicht übermäßig viele soziale Kontakte haben würde, da ich ein totaler Misanthrop wäre (jetzt bin ich ja nur Freizeit-Misanthropin), würde ich dennoch keine Selbstgespräche führen oder grummeligschrullig sein. Ich würde vielmehr das Sprechen als solches weitestgehend einfach komplett einstellen. Das spart Energie und Nerven.

Ich würde nie älter als 49 werden. Einfach nur damit ich nicht irgendwann im halb-dementen Seniorenalter zur moralischen Stimme der Nation würde und dann plötzlich vor der dummen Situation stünde, meine Zeit in der Waffen-SS erklären zu müssen.

Ich hätte keinen Fernseher und würde ausschließlich klassische Musik und Chansons aus den Zwanzigern hören und Madonna nur aus der Kirche kennen. Ich hätte ein Haus am Meer – eigentlich egal welches Meer, nur abgeschieden muss es sein, so dass ich mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto (einem alten, klapprigen Jeep oder ein schwarzer VW Käfer aus dem letzten Jahrtausend) bräuchte, um in die nächste Kleinstadt zu kommen … und Stunden mit dem Zug in die nächste richtige Stadt.

Eigentlich ist das Meer doch nicht egal

Der Atlantik soll es sein. Am besten Schottland. Raues Klima, so dass der Kamin immer flackert und ich abends mit einem Single Malt und einem guten Buch davor sitze und auf dem Plattenspieler Chopin läuft. Und natürlich würde ich dann auch nicht mehr brechen wollen, wenn ich Single Malt trinke. Erwähnte ich schon, dass mein jetziges Ich keinen Alkohol mag?

Einen Hund hätte ich noch. Einen Wachhund. Einen Pointer oder Riesenschnauzer. Sein Name wäre Bob. Ich würde alte Cordhosen tragen und Westen. Die Hemdsärmel hätte ich hochgekrämpelt. Fliegen und Schlipse besäße ich nicht. Für die Verleihung des Literaturnobelpreises müsste ich mir einen Smoking leihen und ich würde ihn hassen. Den Smoking.

Ab und an würde ich mir ein abgeschiedenes Häuschen in Griechenland oder Italien mieten, um dort zu schreiben. Bob wäre immer dabei.

Natürlich würde ich auch irgendwann sterben

An etwas trivialem, aber dennoch tragischem, was zum rauen Klima passt, einer Lungenentzündung oder dergleichen. Bob würde am Fußende des Bettes seinen Kopf auf dasselbe legen und mit mir auf das Ende warten. Am nächsten Morgen würde man ihn in seinem Körbchen beim Kamin finden. Aus Kummer würde er mir folgen.

Ja, so ungefähr wäre es, wenn ich nicht ich, sondern so wäre, wie ich mich gerne hätte. Stattdessen sitze ich frierend am Wannsee und langweile mich langsam und gemächlich zu Tode. Und das ist sicherlich keine tragische Weise ums Leben zu kommen.

Wird sich sehr lächerlich machen in meiner Biographie: „Man fand sie zusammengerollt auf dem Fußboden, der Mund zum Gähnen weit geöffnet. Sie hatte nie die Möglichkeit mit dem Pfeife rauchen anzufangen.“


(Der Beitrag erschien in abgewandelter Form ursprünglich am 09.09.2009 auf meinem ersten Blog.)

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