The Next Generation

„Das ist die nächste Generation.“ flüstert sie und ich nicke unheilvoll.

Bei rund 70% der Anwesenden haben wir keinen blassen Schimmer, wer das ist. Das mag zum einen daran liegen, dass die Meisten als Avatar einen Teil ihrer Stirnpartie, ihre Brüste oder ein lustig gezeichnetes Männchen, was aber eher selten so akkurat der Wirklichkeit entspricht wie das von Claus Ast, haben.

Einige sehen aber wirklich so gar nicht wie Twitterer aus. Wer sind nur all die Menschen? Und was soll das heißen: Nächste Generation?

Werden wir abgelöst? Und wer ist WIR überhaupt? Seit längerem schon beobachte ich ein Nicht-Bewegen in meiner Timeline. Es sind dieselben vertrauten Gesichter. Fremde, die ich zum Teil seit Jahren kenne. 

Die Zwei da hinten gehören sicherlich zur FDP und nicht zu UNS. Und die Dame und der Herr am Tresen, die vermutlich darüber ins Gespräch gekommen sind, dass sie beide Vollzeit in einem Solarium arbeiten und das fanatische Hobby des Haarefärben (BICOLOR!) teilen – gehören die zu UNS? Die sehen aus, als hätten die Sex, womöglich sogar jetzt gleich, also können sie doch gar nicht zu UNS gehören.

Natürlich haben wir auch Sex, schließlich gehen 50% der Gespräche an diesem Abend darum, wie es denn den Kindern geht. Aber WIR sehen nicht danach aus.

WIR sehen nach ein bisschen zuviel Sofa aus, WIR sehen nach Markus-Lanz-Hassern und Tatort-Guckern aus, WIR sehen nach Socken-anlassen während des Coitus aus, WIR sehen nach Sozialphobie aus. Um meine Gedanken zu untermauern, reicht @Sidera in diesem Moment eine Packung Toffifee herum.

Es steht kurz die Überlegung im Raum ein Glas Nutella zu organisieren, es den vermeintlichen Twitterfremdkörpern hinzuknallen und zu brüllen: „SO, UND JETZT ISST DU DAS!“, aber ich entscheide mich stattdessen dann doch dafür Pipi machen zu gehen.

Sie ist etwa zwanzig, oder vielleicht auch nur zwölf, rennt in der Toilette volles Lottchen in mich rein, guckt mir auf den Busen, wo mein Avatar prankt und sagt mit einem Grinsen der Unbarmherzigkeit: „Kenn ich nicht.“
Ich zucke nervös mit dem Lid – Diese Jugend von heute. Kein Respekt mehr vor den Alten. Weiß doch jeder, dass man immer so tut, als kenne man den Anderen. Dass man am Besten so tut, als hätte man den Anderen schon aus zehn Meter Entfernung erkannt, um dann während des Gesprächs immer wieder möglichst unauffällig auf den Avatar zu schielen, um endlich zu erfahren, mit wem man da eigentlich gerade über super intime Themen redet. Vermutlich weiß sie nicht mal, was Öpve ist, denke ich, als das Twittermäuschen beschwingt an mir vorbei hopst.

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Na warte, wenn ich dich in vierzig Jahren vorne auf dem Behindertensitz im Bus erwische. Die Momente, in denen ich mir meine hitlergleiche Rentnerschaft – in der meine einzige Tätigkeit das öffentliche Beschimpfen von Kindern, begleitet von furchterregendem Gefuchtel des Gehstocks, sein wird – vorstelle, retten mein zartes Gemüt vor dem Bedürfnis sich weinend vor- und zurückschaukelnd neben die Toilette zu hocken.

Als ich wieder zurückkomme, sind immer noch viele Menschen da, die ich nicht kenne. Da ich fremde Menschen nicht mag und nicht das Bedürfnis verspüre, fremde Menschen kennenzulernen, gehe ich zu den fremden Menschen, die ich schon kenne.

Es erinnert alles ein wenig an die Oberstufe. Im Laufe der Schulzeit kommen immer mal wieder neue Mitschüler und manche gehen, ohne, dass man je wieder von ihnen hört. Aber nach einer gewissen Zeit hat sich eine Klasse, eine Stufe, herausgebildet, es verändert sich nichts mehr oder kaum noch etwas. Wie eine analoge Filterblase.

Hatte ich Twitter durchgespielt?

Fakt ist, es kommt, trotz des hartnäckigen Gerüchts, Twitter hätte weiterhin stetigen Zulauf, kaum noch „was Frisches“ nach, keine neuen Gesichter in der Timeline, wo früher regelmäßig ein neues Sternchen durch Geistreiches und Scharfzüngiges kometenhaft in den Followerhimmel emporschoss. Die Timeline veränderte sich ständig, wie ein organisches Wesen schrumpfte sie mal, dehnte sich durch plötzlichen Zuwachs wieder aus, war nie im Stillstand, sondern immer in Bewegung. Alles war immer wieder neu, war aufregend.

Inzwischen hat man sich eingerichtet in seiner Filterblase – wie auf einem Sofa, von dem man nie mehr aufstehen mag. Und genau diese Leute hat man inzwischen auch fast alle getroffen. Und ohne, dass man es bemerkt hat, ist eine neue Generation, eine Klasse, eine neue Stufe, herangewachsen. Außerhalb der eigenen Filterblase. Einfach so. Wie ein Blümchen zwischen zugemoosten Steinplatten. Oder Genitalherpes. Je nach Sichtweise.

Und plötzlich, völlig unerwartet, stehst du in Köln beim Koellesterin, mit deinen ältesten fremden Freunden, einer Packung Toffifee und der doch allzu dringlichen Frage:

Wer zur Hölle sind all diese Menschen hier?

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