Unwohlsein

Ich laufe den breiten, klosterähnlichen Gang entlang und bereite in Gedanken mein kleines, minutiös geplantes Schauspiel in allen Einzelheiten vor. Sie werden mich nicht einfach nach Hause gehen lassen, egal, wie überzeugend ich bin. Das weiß ich, denn das machen sie nie. Niemand ist so unerbittlich wie Nonnen.
Meine Schritte werden langsamer, schwerer, denn so gehen Menschen, die krank sind. Zwischendurch halte ich inne und stütze mich mit der Hand an der Wand ab. Fast schon kann ich den erfundenen Schwindel spüren. Meine Mundwinkel gehen nach unten, ich versuche meine Gesichtsfarbe durch bloße Willenskraft möglichst fahl wirken zu lassen.

Wie eine dahinsiechende 90-jährige betrete ich das Sekretariat. Mit geschwächter Stimme erläutere ich meine Symptome und dass ich gerne nach Hause gehen würde. Und wie erwartet schickt mich die Schwester stattdessen ins „Krankenzimmer„, einem tristen Raum mit zwei Betten und einem Fenster in der Mitte. So wie man sich in etwa Zellen in DDR-Gefängnissen vorstellen würde.
Das Krankenzimmer ist keinesfalls zur Genesung gedacht, sondern ausschließlich um den Willen der vermeintlich Kranken zu testen – Wie dringend, wie unbedingt willst du wirklich nach Hause? Würdest du dafür eine Stunde in diesem faden Ambiente liegen? Die Risse im Gemäuer nachzählen oder sich vorstellen, wie viele Mädchenhäupter schon auf dem Kisen gelegen haben dürften?

Damals gab es kein schuleigenes WLAN, kein iPhone, kein MP3-Player, ich hatte nicht mal einen Disc-Man und der Raum selbst wäre vielleicht als einziges dafür geeignet, um dort Sartres Geschlossene Gesellschaft in Dauerschleife spielen zu lassen. Also starre ich die Wand an und mache das in meiner Welt einzig sinnvolle: Ich schreibe mit einem Bleistift die Sendezeiten von VOX darauf.
Wir hatten zu jener Zeit kein Kabelfernsehen zuhause, aber aus irgendwelchen Gründen VOX. In den Neunzigern, bevor VOX sich Dinge wie Gilmore Girls, CSI, Suits & Co. anlachen konnte, gab es dort fast ausschließlich Serien aus einer längst vergangenen Ära. Ein Colt für alle Fälle, Starsky & Hutch, CHiPs, Vegas. Vormittags liefen die Wiederholungen vom vorherigen Nachmittag und es gab kaum Werbung, weswegen die Sendungen weniger als eine Stunde liefen und man sich die Anfangszeiten schlecht merken konnte.

Ich errechnete, wie lange ich mindestens hier liegen musste, um die Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung glaubhaft darzustellen, welchen Bus ich wann nehmen würde, wann ich zuhause sein würde und natürlich zu welcher Sendung ich dann pünktlich da sein würde.

Ich schwänzte nicht, um in einem Einkaufszentrum rumzulungern, um heimlich im Park abzuhängen oder im Wald zu rauchen. Ich schwänzte, weil ich nach Hause wollte. Um fernzusehen. Ich kannte die Serien, hatte jede Serie, jede Staffel, jede Folge mehrere Male schon gesehen. Aber das war egal. Fernsehen war Flucht, Fernsehen war Ausblenden der Wirklichkeit, der Realität, der Welt da draußen.

Und so wie ich damals schon gerne außerhalb des Mathematik-Unterrichts rechnete, rechnete ich auch gestern. Denn ich stieß auf eine Seite, mit der man ausrechnen kann, wieviele Tage, Stunden und Minuten seines Lebens man schon damit verbracht hat, fernzusehen.

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Innerhalb kürzester Zeit hatte ich ein Jahr voll. 85 Serien hatte ich eingegeben. Die Liste ist sicher nicht vollständig. Bei Weitem nicht. Und berechnet wurde auch nicht, dass ich die meisten Staffeln mehrfach, einzelne sogar ein halbes Dutzend Mal gesehen habe.. aber als das erste Jahr voll war, hörte ich auf.

Über ein Jahr meines Lebens, dass ich ausschließlich mit Fernsehen verbracht habe. Hochgerechnet sind es letztendlich bestimmt mindestens drei Jahre. Ich bin jetzt 31 und so sehr ich bis heute Serien und das Fernsehen liebe, so ist doch der Gedanke, dass ich soviel Zeit davon mit Fernsehen verbracht habe, einer, der mich mit Irritation und Unwohlsein erfüllt.

Und dieses Mal ist das Unwohlsein echt.

In diesem Sinne.

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