Veränderungen

Ich weiß, dass nicht alles so bleiben kann, wie es ist. Menschen, Körper, Beziehungen, meine Topfpflanzen – alles verändert sich irgendwann. Und Veränderung ist ja auch nicht per se schlecht. Wenn eine Beziehung scheisse läuft, ist es ja was Gutes, wenn man hier eine notwendige Veränderung einläutet und sich trennt. Oder seinen Job kündigt. Oder die Topfblumen endlich wegschmeisst, weil man endlich eingesehen hat, dass jede noch so anspruchslose Pflanze bei einem draufgeht und man sich lieber so eine Plastikorchidee von IKEA holt.

Aber Veränderung kann eben auch doof sein. Wenn die Beziehung, die mal toll war, es nun nicht mehr ist. Wenn der eigene Körper altert und man Schwierigkeiten hat, damit zurecht zu kommen. Oder ein Tumor – kann auch eine eher doofe Veränderung sein.

So oder so, ob gut oder schlecht, man weiß es nicht. Zumindest bis die Veränderung da ist.

Vielleicht ist sie schon länger da und man hat sie gar nicht bemerkt. Bei einem Tumor passiert das ja gerne mal. Bei Beziehungen hin und wieder auch. Und dann ist man ganz überrascht und irritiert, wo sie plötzlich herkommt, diese Veränderung, dabei wissen alle, dass da gar nichts plötzlich ist, aber das ändert eben nichts am Zustand des Überraschtseins.

Ich merke, dass ich inzwischen häufiger damals oder früher in einem Satz verwende. Und jedesmal, wenn ich mich dabei ertappe, erschrecke ich kurz und schaue an ihr mir herunter, weil ich erwarte, an meinem Torso eine kleingemusterte Kittelschürze und an meinen Handgelenken 17 Küchengummis vorzufinden. Wie bei meiner Oma damals. Denn so fühle ich mich in diesen Momenten. Wie eine Oma. Die vom Krieg erzählt. Von früher. Als ich jeden Tag alleine 200 Kilometer zu Fuß zur Schule gelaufen bin und es nur einmal im Monat Fleisch gab, höchstens zweimal, wenn die Nachbarkatze zu vertrauensselig war.

Okay, vielleicht sind es nicht genau diese Anekdoten, die ich dann zum Besten gebe, aber es fühlt sich so an. Wenn ich zum Beispiel darüber rede, wie mein Körper vor meiner Schwangerschaft war (damals!) oder wie schön und lapidar und harmlos (früher!) Twitter war.

Vielleicht ist das normal, wenn man älter wird. Mit jedem Jahr, jedem Jahrzehnt streckt sich die Zeit immer weiter, entfernt man sich immer weiter von sich selbst, von dem was war und die Veränderungen scheinen einem immer gravierender und größer und die Nostalgie und die Wehmut wachsen in gleichen Teilen mit.

Vielleicht ist es normal, dass sich mancheiner vor Veränderungen fürchtet, dass er bevorzugt, was er kennt. Vielleicht ist es normal, sich hin und wieder zu sträuben, dass man akzeptieren muss, dass die Welt um einen herum und auch man selbst, sich zwangsläufig verändert.

Ich weigere mich zum Beispiel zu akzeptieren, dass dies nun mein Körper ist. Und ich weigere mich zu akzeptieren, dass ich nun für den Rest meines Lebens ein Mensch sein werde, der ständig darüber redet, dass er nun abnehmen und gesünder leben wird. Und ich weigere mich zu akzeptieren, dass eine Plattform, die über so viele Jahre mein zweites Zuhause war, über das ich so viele geniale, kreative und zum Teil amtlich gestörte Menschen kennenlernen konnte, nun einfach nur noch ein geistiger Tümpel für Politiker:innen, Journalist:innen, Rassist:innen, intellektuelle Tiefflieger:innen und andere Freizeit-Schmocks ist. Ich möchte das nicht akzeptieren. Nichts von alldem. Denn diese Veränderung einfach zu akzeptieren, käme dem Aufgeben gleich.

Ja, Veränderung passiert. Und es gibt gute und schlechte Veränderungen – und sobald sie einmal da sind, zutage getreten sind, für alle sichtbar und unleugbar sind, kann man nicht mehr zurück. Aber nichts davon bedeutet, dass man es hinnehmen muss. Es bedeutet lediglich, dass, wenn einem die Veränderung nicht passt, man überlegen sollte und kann, welche Veränderungen man nun selbst ergreifen muss. Damit die Veränderung am wenigsten schmerzhaft ist.

Ich weiß noch nicht, wie ich mit Twitter umgehen werde. Mittel- und langfristig. Der Hass dort, die nicht existente Debattenkultur, sowie der Umstand, dass die deutsche Twitterblase, so wie sie vor über zehn Jahren mal existierte, sich inzwischen zerschlagen hat, weitergezogen ist, nun ein „echtes Leben“ führt, ist nichts, was mich dort hält. Ich habe meinen Accountnamen geändert, alle Tweets gelöscht und hadere noch mit mir. Zu groß ist noch die Wehmut. Aber ich muss auch gar nicht jetzt und heute eine finale Entscheidung und Veränderung herbeiführen. Auch das ist okay.

Was ich jedoch weiß, ist, dass ich bald Geburtstag habe und mit diesem Körper, in dieser Form, nicht in ein neues Lebensjahr starten möchte. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen – diese alleine sind … nun … Grund genug. Sondern weil ich es nicht schön finde. Die Veränderungen, die dieser Körper seit 2012 durchgemacht hat, gefallen mir nicht. Ich werde aus diversen Gründen nie wieder den Körper vom April 2012 bekommen, etwas anderes anzunehmen wäre naiv bis lächerlich. Aber ich muss diesen Körper und seine Veränderungen so nicht akzeptieren. Und im Gegensatz zu Twitter werde ich nun die Wochen bis zu meinem Geburtstag darauf hinarbeiten, in meinem Leben so viele Dinge wie möglich zu verändern, um schlussendlich auch diesen Körper wieder zu verändern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.