Vitamin D anyone?

Die Sonne blinzelt vorwurfsvoll durch die Jalousien, ihr Gemurmel, dass sie wisse, dass ich hier drin sei und das irgendwie verhaltensauffällig und nicht normal sei, schließlich scheine sie volle Möhre und vor allem hier in Hamburg müsse ich das doch wohl zu schätzen wissen, ob ich kein Vitamin D bräuchte oder warum ich bitte schön nicht wie alle anderen draußen auf einer Wiese liege, hallt in regelmäßigen Abständen durch die Wohnung.

Wie ein Echo, das man besoffen auf Wish bestellt hat.

Ich schwenke meine Packung mit den hochdosierten Vitamin-D-Tabletten in Richtung der abgedunkelten Fenster. Manchmal murre ich ein leises „Fick dich …“ dazu, manchmal ergänze ich, dass die vielen Menschen da draußen auf den Wiesen einer der Hauptgründe sind, warum ich nicht auf derselben Wiese liege. Sondern hier drin.

Dass ich grundsätzlich zum defensiven Verhalten neige – und selbst der Apothekerin in einem sehr entschuldigenden, ausführlichen Monolog zu erklären versuche, warum ich meine bestellten Medikamente erst eine Woche später abhole oder quasi einen seelisch-medizinischen Offenbarungseid gegenüber Kolleg*innen leiste, warum ich momentan eher nicht vor die Kamera will, unnötig zu erwähnen, dass weder das eine noch das andere erwartet oder gar erwünscht war –, erreicht also seinen kläglichen Höhepunkt, in dem ich einem 149.600.000 km entfernten Stern erkläre, warum ich nicht nach draußen gehen will.

„Ich habe Bereitschaft“, könnte ebenfalls ein Grund sein. Schließlich muss ich binnen 30 Minuten am Computer sitzen können, falls was ist.

Falls Gas-Gerd wodka-geschwängerte Saunen-Selfies mit Blobfisch-Putin aus dem Kreml schickt.

Oder Friedrich Merz in die SPD eintritt. Oder Helmut Schmidt aus dem Himmel (?) herabsteigt, rauchend natürlich, weil er diesen Anblick da unten nicht mehr aushält und wissen will, was der Kack eigentlich soll und ob wir ohne ihn und Willy eigentlich irgendwas alleine geregelt kriege?

Für solche extrem realistische Szenarien dürfte ich mich gar nicht so weit vom Haus entfernen.

Was für eine hohle Scheiße ich da wieder labern würde, wütet die Sonne und erhitzt sich nochmal um ein halbes Grad. Ich könnte ja Laptop und Diensthandy mitnehmen und notfalls von unterwegs was machen, schimpft sie. Stichwort: Hotspot! Ne, knurre ich, was wenn ich irgendwo an nem See liege und dann da kein Internet habe?

Dir ist schon klar, dass du einen Garten hast, zischt sie.

Sie wüsste ja wohl ganz genau, krakele ich zurück, dass vor der Wintergartentür die alte, riesige Hundebox stünde und dass ich diese erst dann woanders hinstellen kann, wenn ich den Wintergarten geputzt habe und dass ich erst den Wintergarten putzen kann, wenn ich Küche und Bad heute geputzt habe und dass es ja schon später Nachmittag sei und wie ich das bitte schaffen soll, wenn ich ja die ganze Zeit damit beschäftigt bin, mit jemandem, der ohnehin nur an dem Ausbau meiner Hautkrebsmöglichkeiten interessiert ist, derart unnötige Gespräche zu führen?

Ich könnte ihr natürlich auch erzählen, dass ich einfach nur müde bin.

Dass ich reizüberflutet bin. Dass mein Körper vibriert, dass ich meine Hände ansehe, die ganz ruhig da liegen und ich dennoch spüren kann, wie jede Zelle zuckt und sich windet und nur eines will: Ruhe. Wortwörtliche Ruhe. Nicht laut reden müssen. Nicht sozial interagieren müssen.

Die mentale Festplatte läuft auf Sparbetrieb, der Akku ist bei 4% und obwohl in der Leiste steht, dass noch Energie für 15 Minuten da ist, wissen wir alle, das ist ein Schätzwert, das Ding kann sich jede Sekunde selbst abschalten. Ein MacBook, das erst gestern von der chinesischen Fabrik vom Fließband gepurzelt ist, kann einen Kaltstart ja gut wegstecken. Nur läuft eben meine mentale Festplatte eher auf einem alten Atari aus den Achtzigern, da weiß man nie, ob der beim nächsten Mal überhaupt noch hochfährt. Nein, der Akku muss aufladen, und das geht ganz sicher nicht da draußen.

Ich könnte der Sonne oder generell jedem – der meint, nur weil die Sonne scheint, müsse man ja raus, als stünde das irgendwo im Grundgesetz, als wäre man deswegen ein Fall für den Verfassungsschutz – noch sehr viele andere Gründe nennen, warum ich just in diesem Moment keine lustige Fahrradtour an der Alster mache oder auf einer Wiese mit Lichtschutzfaktor 50 und Allergietabletten liege.

Es ist nur so: Ich brauche keinen Grund. Nicht einen einzigen.

Auch wenn man gerne in diese Falle tappt, denkt, man brauche einen, man müsse rechtfertigen, warum man bei diesen herrlichen Temperaturen und diesem traumhaften Wetter lieber auf dem Sofa liegt und liest oder zum zehnten Mal diesen Monat „Halloween Kills“ guckt.

Man braucht keinen Grund.

Und manchmal, wenn jemand wieder und wieder fragt, warum man denn nicht draußen sei, reicht eben doch ein leises „Fick dich …“ als Antwort.

2 thoughts on “Vitamin D anyone?

  1. Haben wir alle als Kinder zu oft „Bei dem Wetter geht Ihr draußen spielen!“ gehört? Bei meiner Nachbarin durften wir nur bei Regen ins Haus, deshalb sind wir immer zu uns gegangen, meine Mutter hat’s wenig interessiert, ob wir bei gutem Wetter drinnen saßen oder draußen spielten. Trotzdem ist das irgendwie hängengeblieben.
    Ich freue mich über die Sonne und die Wärme – muss aber deshalb trotzdem nicht raus in die Sonne. Und doch ist da diese innere Stimme, die rumnörgelt, ich müsste doch jetzt nach draußen usw.
    Und uneigentlich sitze ich jetzt hier und prokrastiniere. Eigentlich müsste ich Koffer packen, sonst wird’s heute Nacht wieder spät. Ich hasse Koffer packen. Ich glaube, da würde ich mich dann noch lieber draußen auf die Wiese setzen…
    Liebe Grüße von Frau Frosch (Fliege gefällig? – ist auch schön knusprig!)

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