Vorfucksätze

Jedes Jahr zu Silvester mache ich neue Vorsätze. Ja, ich gehöre zu solchen Leuten, die sowas machen. Ich tippe sie hernieder, versuche eine zugleich symbolische und nichtssagende Anzahl – wie sieben, zehn oder zwölf – zu finden, mache die Typo noch ein wenig hübsch, drucke es aus und hänge es irgendwo hin, wo ich es täglich sehen kann.

Jedes Jahr.

Irgendwann, zwischen Januar und Dezember, kommt es dann wieder weg. Weil ich nicht mehr draufschaue. Weil ich mir einrede, dass der Zettel, wie er da so hängt, an der Wand, vorwurfsvoll und anklagend, die Inneneinrichtung des restlichen Zimmers stört. Feng Shui und so. Normalerweise verschwindet der Zettel dann irgendwo und mit irgendwo meine ich in der Regel den Mülleimer.

Aus irgendeinem Grund landete er dieses Mal dort nicht, sondern ich habe ihn, als ich umzog, fein säuberlich abgehangen, zusammengefaltet und in einen der Umzugskartons gelegt. Wo er mich just letzte Woche wie dieses Springteufelchen aus der Kiste hämisch grinsend fast zu Tode erschreckte.

Alte To-Do-Listen sind ja letztlich noch ekliger als aktuelle. Das eigene Versagen in Stein bzw. Druckertinte gemeisselt. Im schlimmsten Fall in der eigenen Handschrift. Als würde man sich selbst schelten oder einen blauen Brief schicken.

Ich lese mir die dreizehn Punkte auf meiner Liste durch, während mein innerer Monk wegen der Dreizehn leise mit dem rechten Auge zuckt. „Klappt ja voll gut bisher.“ murmle ich, während ich die einzelnen Punkte überfliege. „Voooooll guuuut.“

Und dann, in einem Moment des kompletten Wahnsinns, überkommt es mich.

NOCH IST DAS JAHR NICHT VORBEI!

Jahahahahaha!

VORSÄTZE 2014

  1. Ich möchte abnehmen und zwar zehn Kilo. [Vier sind im September runter, bleiben sechs bis Ende des Jahres. Läuft.]
  2. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Männern verbringen. Ich möchte mehr Zeit mal alleine verbringen.
  3. Ich möchte mich von Menschen fern halten, die mir nicht gut tun. [Jo.]
  4. Ich möchte mich gesünder und vegetarisch ernähren. [Ahahahahaha!]
  5. Ich möchte jeden Tag mindestens zehn Minuten meditieren. [Vielleicht gilt Schlafen ja auch..]
  6. Ich möchte weniger, viel weniger besitzen.
  7. Ich möchte, dass meine Wohnung schöner wird, damit ich mich endlich in ihr wohlfühlen kann. [Überflüssig, da ich jetzt in einer anderen Wohnung lebe, in der ich mich unwohl fühle.]
  8. Ich möchte jeden Tag mind. 1,5 Std. an meinem Portfolio arbeiten. [Hm.]
  9. Ich möchte weniger fernsehen und dafür z.B. wieder mehr lesen. ✔
  10. Ich möchte mehr Sachen machen, die mir Spaß machen.
  11. Ich möchte sparsamer sein. [Sofort, nachdem ich mir diesen Morgenmantel gekauft habe..]
  12. Ich möchte einmal die Woche raus und andere Menschen treffen. [Siehe 2.]
  13. Ich möchte endlich diese scheiss Decke fertig stricken!!!

Abnehmen ist dank meiner Smarties-Diät aktuell quasi ein Klacks, das läuft so nebenher, nur das mit Punkt 4 in Einklang zu bringen, wird schwer. Und Punkt 2, 3 und 12 bedürfen ja wohl einer entsprechenden Überarbeitung. Und wieso nochmal wollte ich jeden Tag meditieren, ach, wegen dieses zur Ruhe kommen, mal aussteigen, abschalten, blabla, da habe ich doch gar keine Zeit zu! Und wie soll ich mehr Sachen machen können, die mir Spaß machen, wenn ich gleichzeitig kein bzw. weniger Geld ausgeben soll. Und überhaupt, was hab‘ ich denn da geraucht, als ich diese Vorsätze gefasst habe? Zu tief ins Weihrauchtöpfchen geguckt, oder was?

Aber, sage ich dann zu mir selbst, ganz ruhig.

Dann sage ich zu mir selbst, ich soll gefälligst die Fresse halten und meine guten Ratschläge mir dorthin stecken, wo die Sonne nicht scheint.

Die Krux ist ja, das so eine Liste einen erst einmal zu erschlagen droht. Deswegen werde ich das Ganze eher wie einen Kreuzzug betrachten, einen Feldzug, in dem der Feind (in diesem Falle ich), nach und nach, Stück bei Stück, Punkt bei Punkt, geschlagen wird. Eins nach dem anderen. Wie gesagt, Punkt 1 läuft und Punkt 4 kriegen wir auch noch hin:

Bildschirmfoto 2014-10-06 um 11.52.53Punkt 6 und 9 sind tatsächlich erledigt, wenn auch weiterhin noch ausbaufähig! Fangen wir also gezielt bei einem Punkt an, einem, der nicht fortlaufend ist, sondern, der wirklich abgearbeitet werden kann: Punkt 13. Die mir inzwischen verhasste Decke. Die ich vor Jahren in einem manischen Strickrausch angefangen habe und (da die gesamte Wolle schon vorab gekauft) ein kleines Vermögen kostete und die mich inzwischen nur noch an mein fleischgewordenes wollgewordenes Versagen erinnert. Anklagend und missbilligend hustet sie hin und wieder aus der Kiste, in die ich sie verbannt habe. Zu schade, um sie wegzuschmeissen, vom Mann zu sehr gehasst, um sie an gemeinsamen Fernsehabenden weiter zu stricken. Ein Drama und Dilemma, wie sie sich nur in der ersten Welt ausgedacht werden kann!

Du blöde Decke wirst der erste Punkt sein, dem ich mich widmen werde. Und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist – also außer dem iPad -, dass ich dich bis Ende diesen Jahres fertigstellen werde!! Denn es ist nie zu spät, Dinge zu machen und zu ändern, die man machen und ändern will. Oder so.

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