Warten

Leudchen, was für ein geiles Jahr bisher. Die Wochen und Monaten fliegen nur so dahin, so geschmeidig ist 2021 einfach. Toll, einfach nur toll alles.

Falls Sie sich jetzt fragen, was ich gesoffen habe, ist die Antwort: Egal was, es ist ganz sicher nicht genug.

Wie wunderschön wäre das bitte, wenn der erste Blogeintrag 2021, nach Monaten des beharrlichen Schweigens, mit den oben geschriebenen Zeilen beginnen würde und ich es ernst meinen würde?!

Aber hier ist einfach gar nichts mehr geil und nix geschmeidig. Die Phase des Bananenbrotbackens, des Nähen, Häkeln und Klöppeln, die Zeit vor ziemlich genau einem Jahr, in der wir uns alle in Hobbys stürzten, die man sonst nur von Pinterest kannte, liegt in weiter Ferne und unter einem grauen Schleier. Als wäre das ein ganz anderer Mensch gewesen, der damals so euphorisch Sauerbrotteig angesetzt hat und völlig begeistert Makramees für die gesamte Verwandtschaft gebastelt hat.

Inzwischen sitzen wir alle etwa einmal wöchentlich weinend vor Netflix oder Prime, weil wir schon wieder alle Serien weggesuchtet haben und plötzlich die Panik und Ungewissheit da ist, weil man nicht weiß, wann wieder was Neues kommt und was man denn nun stattdessen machen soll. Natürlich könnte man auch mal wieder Tante Frida anrufen oder die Bea, neben der man damals im Proseminar „Hitlers Bild der Antike“ gesessen hat und die einem doch vor drei Monaten so nett auf Facebook zum Geburtstag gratuliert hat. Einfach mal fragen, wie’s geht oder was es Neues gibt. Aber machen wir uns nichts vor: Mit wenigen Ausnahmen haben alle 83 Millionen Deutsche in den letzten 12 Monaten kaum ihr Zuhause verlassen und das Spannendste, was sie zu erzählen haben, ist die Schlägerei, in die sie fast geraten sind, weil sie dem alten, weißen Mann im Penny darauf hingewiesen haben, dass er keine Maske auf hat.

Also sitzen wir da, starren die Tapete an, aktualisieren den Instagramfeed, wo Menschen Urlaubsfotos von 2018 posten, starren nach draußen und überlegen die komplette Staffel Tschernobyl noch mal zu schauen, weil es ganz gut tun kann, sich bewusst zu machen, dass es ja noch beschissener laufen könnte.

Und das Einzige, was uns daran hindert, an der bleiernde Lethargie, die einen wie der adipöse kleine Bruder der Depression ganz fest umarmt und zu Boden drückt, zugrunde zu gehen, sind die krawallartigen Wutschübe, die urplötzlich in uns hochschießen, wenn wir schon wieder Worte wie Impfgipfel im Radio hören.

Wenn ich aus Versehen Armin Laschet irgendwo eines seiner berüchtigten, komplett inkompetenten und daher überflüssigen Statements geben höre, kann sich mein von Müdigkeit gebeutelter Körper gar nicht zwischen Schlaganfall und Touretteanfall entscheiden. Das sind die raren Momente, in denen ich weiß, dass ich noch am Leben bin. Ob das jetzt was Gutes ist, lasse ich mal offen.

Es ist alles ein riesiges Fest.

Was soll man da also schreiben? Worüber bloggen? In Zeiten, in denen die Zeit jede Bedeutung verliert. In denen man nur wartet. Darauf, dass alles vorbei ist, weil man ja denkt, dass es irgendwann vorbei sein muss. Zwischendurch denkt man an Godot, auf den haben sie ja auch gewartet. Einfach immer weiter gewartet. Vielleicht ist das hier gar nicht alles real, vielleicht ist das nur ein echt mieser Film, in dem es um die Sinnlosigkeit von allem geht und irgendjemand schaut das gerade an, schaut uns zu, und denkt Herrje, wie öde ist das bitte, wann ist das endlich zu Ende?

Falls irgendjemand die Antwort auf diese Frage kennt, melden Sie sich ruhig bei mir. Außer Sie sind Armin Laschet. Dann bitte nicht.