Wehmut

Ich sehe sie nur kurz. Vielleicht zehn Sekunden. Eher weniger. Ihre sattbraunen Haare sind zu einem adretten Dutt nach oben gewuchtet. Die Art von Dutt, die Normalsterbliche nur kurz nach dem Aufstehen haben und niemals, wirklich niemals, vorsätzlich hinbekommen. Vermutlich heißt sie Anna oder Lena oder Luisa oder Julia. So wie Bonner Jurastudentinnen mit hochgestellten Kragen und Perlohrringen gerne heißen.

Sie steigt in einer fließenden Bewegung von ihrem noch rollenden Rad ab, ihre ledernde Umhängtasche wippt mit jeder Bewegung elegant mit und ehe ich mich versehe, fahren wir weiter und ich kann nicht mehr sehen, wie sie ihr Rad bei den anderen fünfhundert Rädern vor dem Juridicum abschließt.

In den wenigen Sekunden, in denen ich sie sehe, wird sie für mich zum Inbegriff des Studierenden. Ich kann sie in der Vorlesung und im Hauptseminar sehen, über Hausaufgaben, Essays und Hausarbeiten brütend, in Klausuren hochkonzentriert an ihrem Bleistift kauend, mittags in der Mensa über Königsberger Klöpsen sitzend, in der Bib komplett in Büchern versunken, den Blick nur hin und wieder über den Rhein schweifen lassend. Ich sehe sie und sehe mich.

Und mir wird bewusst, wie sehr mir diese Zeit fehlt. Diese Zeit, in der das Leben einfacher und überschaubarer war, in der die Regeln des Alltags nicht so kompliziert waren, das zu Erreichende nur von Intelligenz und Fleiß, also von mir allein, abhing. Eine Zeit, in der ich tagelang mit niemandem reden musste und damit ohnehin schon fast alles perfekt war.

bücher

Ich beneide Annalenaluisajulia. Ich beneide sie um eine Zeit, die für mich längst vorbei ist und bei der ich erst jetzt zu realisieren beginne, dass sie nicht wiederkommen wird.

Es sind solche Momente, in denen man achtgeben muss, nicht in Wehmut zu ertrinken, sondern sich stattdessen lediglich an dem Vergangenen zu erfreuen. Sich daran zu erfreuen, dass es diese Phase im Leben gab.
Und auch, wenn diese Zeit nie mehr wiederkommen wird, so werden andere Zeiten und Phasen kommen und es wird an mir liegen, ob ich später an das nun Kommende mit der gleichen positiven Wehmut denken werde.

In diesem Sinne.

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