Wie aus dem Nichts

Manchmal, und mit manchmal meine ich ziemlich regelmäßig, fragt der Mann sich bzw. mich, wieso ich plötzlich so eine schlechte Laune habe. Mich gehen lasse. Rumzicke. Wie aus dem Nichts. Von einer Sekunde auf die andere. Wie kann das nur sein? sagt er dann und schüttelt den Kopf, als wäre ich ein Welpe, der mal wieder auf den Teppich pinkelt.

Zugegeben, ich habe die gottgegebene Fähigkeit, den Raum um mich herum mit einer stalinesken Grabeskälte zu füllen. Nur mit meinem Blick, Pflanzen und niedere Organismen dazu zu kriegen, sich einen schnellen Tod zu wünschen. Nur rufe ich das nicht just for fun ab. Es kommt nicht aus dem Nichts. Niemals.

Denn es baut sich auf. Langsam. Allmählich.

Eskalationsstufe 1 – Die Frage

Es ist Sonntag. Ich habe den gesamten Samstag bei der Familie des Mannes verbracht und heute ist mein Tag. Einer, den ich mit Kopfschmerzen, Ibuprofen und einer Jogginghose zu verbringen gedenke. Und Putzmitteln. Unordnung macht mich kirre, vor allem sonntags.

Und nachdem ich ausführlich Pancakes für alle gemacht habe, putze und wienere ich daher die Wohnung. Räume auf. Wische Staub. Und während ich auf Knien das große Bad putze, das vornehmlich der Antichrist und ich nutzen, kommt der Mann vom Sport zurück. Quietschfidel und gut gelaunt, und sagt zu mir, die von einer ungesunden Mischung aus Meister Proper und sonntäglichem Putzschweiß umgeben ist:

„Oh. Putzt du mein Bad auch?“

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Eskalationsstufe 2 – Das Leugnen

Natürlich wolle er damit nicht andeuten, dass ich nach einer 40-Stunden-Woche im Büro, rund 10 Stunden Arbeit am Buch und anderem zeitraubenden Schmonsens der letzten Woche, in der ich keine Zeit für Sport oder auch nur 15 Minuten Yoga für meinen kaputten Rücken hatte, auch noch das Gästebad, in dem er vordienlich residiert, putzen solle. Sagt er.

Er wolle nur zum Ausdruck bringen, dass er sich darüber freuen bringen. Meint er. Ich muss das natürlich nicht machen. Fügt er hinzu. Er würde sich eben nur darüber freuen.

Sehr. Nichts weiter.

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Eskalationsstufe 3 – Der Ratschlag

Nun denn. Wenn jemand sagt, dass er sich sehr über etwas freuen würde, bedeutet das in meiner Welt, dass es ihn traurig stimmt, wenn er dieses etwas nicht bekäme. Sowas lässt mich nicht mehr los. Also schrubbe ich fünfzehn Minuten später auf meinen Knien auch durch sein kleines Bad.

Jemanden eventuell enttäuschen, Erwartungen, Hoffnungen nicht erfüllen, damit kann ich nicht umgehen. Schuldgefühle – damit kriegt man mich. Schon immer.

Als ich gerade sein (!) Klo (!!) saubermache, steht der Mann plötzlich im Türrahmen und kommentiert, mit Blick auf die Klobürste in meiner Hand, ganz trocken und nüchtern:

„Aber richtig schön tief schrubben, ja?“

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DAS ist der Moment. Der Moment, in dem der Mann plötzlich, völlig unerwartet Dinge an den Kopf geworfen kriegt. Geschimpft wird. Geschrien. Und sie sich fragen, woher das nur plötzlich kommt. Dieses Gezicke. Diese Aggressionen.

Wie aus dem Nichts.

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