Gemäßigt verrückt

Plötzlich steht sie vor mir, groß, mit vielen Haaren, verdammt vielen Haaren, einem Leopardenprintschal, so wie ich ihn nie tragen könnte und lacht mich breit an. Denn das kann sie. Lachen.

Wir folgten uns bei Twitter schon eine Weile, wie lange kann ich nicht sagen, wir waren uns nie übermäßig aufgefallen, bis mir jemand wenige Monate zuvor sagte, diese Frau sei verrückt, also richtig, und dann erzählte er mir noch sie habe ihn einmal besucht und hätte dann den halben Tag in seiner Badewanne gesessen. Falls das reicht, um als verrückt zu gelten, möchte ich nicht wissen, mit welchem Adjektiv mich die Leute bedenken.

Jetzt steht sie da und wirkt nur gemäßigt verrückt, so verrückt wie man eben ausschaut, wenn man in einer deutschen Großstadt so fröhlich ist.

Wir gehen an diesem Nachmittag einen Kaffee trinken, direkt bei der Schanze. Sie erzählt mir von ihrer Erkrankung und der geplanten Weltreise, ich von Berlin und dem Kerl, mit dem ich mich seit einiger Zeit treffe und der der Grund für meine Stippvisite in Hamburg ist. Nachdem ich mich lange und breit darüber ausgelassen habe, warum das nicht so recht klappen will mit ihm und mir, lacht sie und prophezeit mir, dass das der Vater meiner Kinder sei. Also doch verrückt.

Später im selben Jahr sitze ich erneut in Hamburg in einem Café und warte auf sie. Sie muss mir die Zeit vertreiben, bis ich am Nachmittag meinen Termin beim Frauenarzt habe, der mir bestätigen soll und muss, dass ich nicht schwanger bin. Wir lachen und albern herum. Sie ist zu dem Zeitpunkt die einzige, die weiß, was los ist.
Da ich ja ganz sicher nicht schwanger sei, fragt sie schließlich, was ich denn lieber hätte: Ein Mädchen oder einen Jungen? Ich lache und sage ein Mädchen, aber da das Universum mich hasst, würde es sicher ein Junge und dann würde ich ihn Shlomo nennen.

Aus Shlomo wurde Shleumel, aus Shleumel Shlemil, aus Shemil im Dezember des selben Jahres Emil.

Vor einem Jahr, ich bin gerade frisch nach Hamburg gezogen, sitzen wir wieder in einem Café. So als wüssten wir nicht, wo wir uns sonst treffen sollten, aber wo kann man sich auch besser treffen, als in unmittelbarer Nähe zu Kuchen & Co.?

Draußen ist es wolkenverhangen, tiefschwarz und beissender Regen peitscht durch Altona. Wir hängen mit unseren Köpfen tief in den Kuchentellern, schmatzen, stöhnen vor Wonne, während draußen die Welt untergeht. An diesem Nachmittag beschließen wir einen Foodblog zu machen, der unsere unanständige Liebe zur Völlerei lobpreisen soll.

Doch schnell merken wir so ein gemeinsames Projekt frisst Zeit. Zeit, die wir nicht haben. Neben unseren Jobs und unserer Familie. Doch auch wenn die Treffen nicht so häufig sind, wie wir es gerne hätten, und auch wenn die Augenringe stets schwarz und tief hängen, wir lachen immer noch. Viel. Und gerne.

Dann geht sie nach Berlin, der Todesstoß für den Blog und ich dachte auch für uns. Unser jeweiliges Leben wurde nicht weniger stressig, im Gegenteil. Ich wusste, wir sehen uns vielleicht einmal im Jahr auf einen Kaffee. Ganz unverfänglich. So wie damals eben, als wir uns das erste Mal trafen und nicht mehr waren als zwei Fremde aus dem Internet.

Heute Morgen fahre ich nach Berlin. Nicht zu Besuch. Sondern weil dort morgen mein neuer Job anfängt. Und meine Chefin wird ein Mensch sein, den ich nicht als Chefin kenne. Sondern nur als jemand, mit dem man sich stundenlang, wie Tiere über Cupcakes, Kuchen und Brownies gebeugt, über Männer unterhalten, über Lebensziele philosophieren und über Zeitmangel stöhnen konnte. Vor allem aber konnte man mit ihr lachen.

Ich weiß nicht, wie sie als Chefin sein wird..

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..aber egal wie, wir werden sicher auch wieder Momente haben, in denen wir zusammen lachen können.