Keine Zeit

Im Januar lief auf ARTE von Florian Opitz der nicht mehr ganz neue Film Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Da ich kürzlich bemerkte, dass mir ebendiese immer mehr abhanden zu kommen scheint, dachte ich mir, dass die Doku vielleicht mit lebensverändernden Erkenntnissen aufwarten könnte. Ich lustiger Narr.

Opitz  spricht in  seinem Film mit einer schier unendlich wirkenden Reihe von Menschen, u.a. einem Redakteur der SZ, der im Selbstversuch ein Jahr lang auf Handy, Email & Co. verzichtete, mit einem phrasenschwafelnden und offenbar nicht gerade wenig selbstverliebten Zeitmanagement-Coach und einem Therapeuten. Bei jedem denke ich mir nur Wat, wer bist du denn?! und hoffe, man kommt bald zum Punkt. Habe schließlich keine Zeit zu verlieren.

Zeit

Während ich den Ausführungen des Letzten über Burnout lausche, mache ich meine Tagesplanung, frühstücke, mache Notizen für meinen Blog und lese einen Artikel über Alice Munro, die es trotz Kinder geschafft hat, den Literaturnobelpreis zu bekommen und keinen Burnout.

Schließlich folgt Rudi, unfassbar sympathischer Ex-Bankmensch von Lehmann Brothers, der irgendwann die Faxen dick hatte, und nun auf einer Schweizer Almhütte seinen Tag damit verbringt Kartoffeln zu schälen und Frühstücksteller für Gäste herzurichten. Total Zen. Ist natürlich praktisch, wenn man vorher kübelweise Geld verdient hat, denke ich, während ich abgezähltes Geld für meine tägliche Besorgungen ins Portemonnaie schmeiße.

Ich habe keine Zeit den Film in der Mediathek an einem Stück zu schauen, weil ich zwischendurch Besorgungen machen muss. Nachdem ich wieder aus der Stadt zurück bin, gekocht, den Antichristen gefüttert und gestaubsaugt habe, ist Opitz inzwischen bei Douglas Tompkins gelandet – Sie wissen schon, dem Gründer und Ex-Chef von The North Face und Esprit, der sich halb Chile und Argentinien gekauft hat, um da so eine Art Öko-Entschleunigungsreservat zu errichten. Noch ein Aussteiger ohne Geldsorgen, mit dem ich mich daher voll identifizieren kann.
Tompkins redet was von slow down, während mein Sohn ungeduldig an meinem Ärmel zieht und mir stolz etwas unter die Nase hält, was er im Mülleimer gefunden hat. Selbst, wenn er reden könnte, würde slow down sicher nicht zu seinem Wortschatz gehören.

Ich erfahre durch Tompkins, wie böse und schädigend für Mensch und Natur die ganzen Elektronikgegenstände sind. Er demonstriert das an seiner kleinen Digitalkamera und seinem MacBook. Letzteres nennt er eine Massenvernichtungswaffe.  Ich kenne Tompkins nicht sonderlich gut, aber das Wort Inkonsequenz wühlt sich durch meinen Kopf hindurch den Weg an die Oberfläche.

Dennoch erfahre ich, dass mein notorischer Zeitmangel, die sich immer weiter beschleunigende Wirtschaft und die fortschreitende Umweltverschmutzung zusammenhängen. Ich denke über mein iPhone nach. Das erste und das letzte, was ich jeden Tag in die Hand nehme. Mein Beschleunigungsgerät. Es hat sogar einen Namen. Jorge. Ist der Mann nicht da, schläft Jorge auf der linken Seite des Bettes auf einem eigenen Kopfkissen.

Da es bei dem Thema Zeit haben ja auch irgendwie um’s Glücklichsein geht, reist Opitz natürlich auch nach Bhutan, wo man sich eine putzige Sache namens Brutto-National-Glück ausgedacht und auch gleich mal in die Verfassung reingeschrieben hat.
In Bhutan leben nicht mal 720.000 Menschen. Weniger als in Köln. Während ich darüber nachdenke, ob die Idee des Brutto-National-Glücks in Deutschland überhaupt möglich ist, flaniert ein buddhistischer Mönch mit Handy am Ohr durch den Bildschirm. Beschleunigungsgeräte sind offenbar auch in Bhutan angekommen. Ob der Mönch seinem Handy auch schon einen Namen gegeben hat? Und was würde Buddha wohl zum Thema Entschleunigung sagen? Und hätte er ein iPhone oder doch ein Samsung?

Kurz nach seiner Stippvisite in Bhutan, wo Opitz nichts erfahren hat, was man nicht auch einfach auf Wikipedia nachlesen kann, kommt er zu seinem Fazit, welches (ACHTUNG! FESTHALTEN!) „Wir müssen uns was einfallen lassen.“ lautet.

Rechner und Smartphone ausmachen, sich Zeit nehmen, mal’n Buch lesen, nix tun. Sowas in die Richtung..

Ach so. Na, dann.

Über 90 Minuten meiner kostbaren Zeit habe ich geopfert, in der vagen Hoffnung etwas zu erfahren, etwas verwertbares, eine Erkenntnis, die mir hilft von der Rastlosigkeit meines Alltags wegzukommen, bewusster zu leben, meine Zeit sinnvoller zu gestalten. Das Fazit nach 90 Minuten ist ernüchternd: Schalten Sie doch mal Ihr Handy aus.

Also würde man zu einem Alkoholiker sagen: Trink doch mal keinen Alkohol mehr.

Zu einem Menschen mit krankhaftem Übergewicht: Iss doch einfach was weniger.

ACH SO!

Warum sagt einem das denn keiner eher? Warum muss erst der Herr Opitz kommen, um mit dieser bahnbrechenden Doku mein ewig hastendes Leben auf ein ruhigeres Nebengleis zu führen? Warum, oh, warum nur?!

Wenn Sie meine Verärgerung nicht nachempfinden können, darf ich Sie darauf hinweisen, dass Sie gerade ca. drei Minuten Ihres Lebens mit diesem Artikel verschwendet haben. Verärgert Sie das?

Und jetzt stellen Sie sich vor, es wären 90 Minuten gewesen.

Aber hören Sie doch einfach auf sich zu ärgern. Machen Sie doch einfach den Computer aus.

In diesem Sinne.

Der Brownietyp

Sie sieht irgendwie glücklich aus. Nicht, dass ich genau wüsste, was das ist, aber so ungefähr stelle ich mir Menschen vor, die glücklich sind.
Sie wirkt, als wäre sie eins mit sich selbst, mit sich im Reinen. Sie bugsiert den monströsen Kinderwagen, den man normalerweise hinten ans Fahrrad hängt, um damit mit dem Kind zusammen im Straßenverkehr Gruppensuizidversuche zu unternehmen, einhändig, als wäre es ein Teil von ihr selbst. Wie bei einer Borg. Einer super glücklichen Borg.

Die Kleine darin jauchzt oder gibt irgendwelche Laute von sich, die der Laie als Jauchzen definieren würde. Sie trägt kunterbunte Klamotten, zum Teil natürlich selbstgenäht, die Schühchen handgefilzt von irgendwelchen stummen, tibetischen Nonnen, und hält in der Hand einen selbstgebackenen veganen Dinkelvollkornkeks. Ohne Zucker. Natürlich.

Und sie selbst: Der fleischgewordene Prenzlauer Berg. Nur ohne Prenzlauer Berg. Stattdessen Bonner Altstadt. Nicht ganz so glamorös, dafür jedoch derselbe Soja-Café-Latte im Becherhalter des Kinderwagens.
Sie ist 33, könnte aber auch 25 sein. Oder 41. Genau kann man das bei denen nie sagen. Sie trägt die Haare kurz, hat sie drei Monate nach der Geburt abgeschnitten. Steht ihr, denke ich, neidisch. Ich würde damit lediglich wie eine fette, französische Bulldogge mit Nuttenperücke aussehen. Sie trägt weite, bequeme Jeans, Chucks, mehrere Tops in verschiedenen Farben, von senffarben über rot bis schwarz-weiß-gestreift ist alles dabei, und kein Make-Up, nicht einmal Wimperntusche. Über der Schulter hängt quer eine selbstgenähte Tasche, die aufgrund der Farbenexplosion wirkt, als wäre  dafür ein Quilt oder ein Schwarm Aras massakriert worden.
Darin sind sicherlich genug Utensilien, um das Kind die nächsten Monate einzukleiden, zu wickeln und zu ernähren. Zwar vorrangig mit Dinkelkeksen und Bio-Äpfeln, aber hey! Ballaststoffe und Vitamine – was will man mehr?

Sie lebt das, was sie ist. Ihr Muttersein schreit aus jeder Pore. Es schreit sehr laut und sehr glücklich. Und sie scheint so verdammt eins mit sich zu sein, mit dieser Rolle, mit diesen Dinkelkeksen und diesen Turnschuhen und diesem Soja-Café-Latte, dass mir nichts anderes bleibt, als neidisch zu sein.

Ich möchte das auch, denke ich. Selbst Kekse backen, Klamotten nähen, vegan und happy sein. Das ganze Paket. Endlich mal ankommen, endlich mal eine Rolle haben, die man ganz ausfüllen, in der man komplett aufblühen kann.

Aber ich bin genetisch eher der Brownietyp. Nichtvegan. Mit viel Zucker. Einfach, weil’s geiler schmeckt als vegane Dinkelvollkornkekse.

Ich kriege an einer Nähmaschine regelmäßig einen hitlerschen Totalausfall und kaufe lieber Klamotten, die alle dieselbe Zusammensetzung und ähnliche Farben haben. Einfach, weil ich im Haushalt pragmatisch bin und so das Waschen leichter fällt. Und weil die nähenden Kinder in Indonesien so weit sind.
Mein Kind spielt auch nicht mit ökologisch voll korrektem Holzspielzeug, sondern mit Lego Duplo aus China oder einer anderen plastik- und krebsfabrizierenden Hölle. Einfach, weil ich selbst als Kind Lego Duplo ziemlich geil fand.

Und damit hätten wir das Problem. Nur, weil man furchtbar gerne auch endlich, endlich mal seine eigene Mitte finden würde, ist die Mitte anderer nicht immer auch die eigene. Egal, wie verdammt scheisse glücklich diese Mitte von den Außenplätzen auch wirkt.

Und wenn ich mich nicht verstellen, mich selbst belügen will, werde ich einfach weiterhin an Ampeln stehen, Soja-Café-Latte-Muttis neidisch angucken, während ich mir ein Stück Brownies aus der Tupperdose meiner Longchamps-Tasche angle.