Boomer

Okay, Boomer. Kleine Worte, leicht dahin gesagt. Die Erkenntnis, dass es bei Boomern eigentlich gar nicht um eine Generation geht, ist geradezu erschütternd.

Boomer, das ist ein Mindset, das ist eine Phase im Leben, die man durchläuft, ganz ohne Vorwarnung, so wie Pubertät oder Menopause. Bei einen beginnt sie früher, bei anderen später, bei wieder anderen ist sie kaum spürbar.
Boomer, das sind nicht einfach unsere Eltern, die irgendwann nach Kriegsende bis Mitte der Sechziger geboren wurden und so goldene Sätze wie „Ich glaub, das Internet ist kaputt“ oder „Ich hab noch ein zweites WLAN-Kabel“ in die Welt setzten. Die von ihren Kindern über Stunden per Fernanweisung erklärt bekamen, wie sie den Drucker einrichten oder wieso sie auch Internet haben, wenn sie mit dem Handy das Haus verlassen.

„Man swipet in den Stories nicht mehr hoch, sondern kann jetzt ganz normal auf den Link klicken,“ sagt sie „Du warst echt zu lange auf TikTok und nicht mehr auf Insta.“ Sie lacht. Ich lache mit, während ein kleiner Kobold in meinem Gehirn ein Neon-Schild, auf dem in geschwungenen Buchstaben Boomer steht, in Position bringt. „Jahahaha,“ lachspreche ich ein, zwei Oktaven zu hoch „aber funktioniert ja auch weiterhin mit Hochswipen.“ Oh Gott, bitte lass es auch weiterhin mit Hochswipen funktionieren. Peinlo, murmelt der Kobolt und sucht nach der Steckdose.

Eine Woche später muss eine Kollegin mir zeigen, wo ich bei TikTok einstellen kann, dass ich die Statistiken einsehen kann. Zu dem Zeitpunkt flackert das Neon-Schild bereits.

Aber Boomersein bedeutet nicht einfach nur langsam, allmählich den Anschluss an diese verschissene Technik zu verlieren, es bedeutet auch nicht, dass es sich einfach nicht in Ordnung anfühlt, Worte wie ’sus‘, ‚peinlo‘, ‚cringe‘ in seinen Wortschatz einzubauen und parallel mit seinem inneren Wörterbuch abzugleichen, was zur Hölle denn das hochdeutsche Äquivalent ist.

All das sind die Vorboten, das leise Tippeln von Zehenspitzen in der Ferne, die man wunderbar ignorieren kann. Für eine Weile.

Dass all diese Dinge aber keine Einzelfälle sind, sondern schlicht Symptome, die sich immer weiter verdichten, merkt man spätestens dann, wenn die Anzahl der Sätze, in denen man von früher oder damals spricht, erheblich zunimmt. Wenn man mehr und mehr das Jetzt mit dem Früher vergleicht.

Damals, als auf Twitter das größte Problem war, dass irgendwer mit irgendwem geschlafen hat, mit dem er nicht hätte schlafen sollten.
Damals, als es noch keine Influencer gab und keine Filter und wir vorrangig ästhetisch fragwürdiges Mittagessen posteten oder kichernd ein Pimmel-Graffiti fotografierten.
Damals, als das größte internationale Problem ein amerikanischer Präsident war, der fast an einer Bretzel erstickt wäre.
Damals, als die rechteste Partei im Bundestag die CSU war.
Damals, als man noch dachte, Fruchtzwerge seien so nahrhaft wie ein kleines Steak oder irgendein anderer Bullshit, den wirklich niemand brauchte, um davon überzeugt zu werden, Fruchtzwerge zu essen, weil Fruchtzwerge einfach geil schmecken, außer Aprikose, was soll der Scheiß bitte?
Damals, als niemand seine Kinder zur Schule gefahren und wieder abgeholt hat, als nie Kinder entführt wurden, als wir jeden Tag 10 Kilometer bei jedem Wetter selbst zur Schule liefen, barfuß, mit einem Sack Kohle, den man auf dem Rückweg verkaufte, damit es nicht schon wieder Katze zum Abendessen gab, damals, als wir schwimmen lernten, indem unser Vater uns in den See geworfen hat, während Mutter mit Schürze in der Küche stand und einweckte für den Winter oder wenn die Russen kommen. Das Damals verschwimmt, die Realität auch, damals war alles anders, nicht per se besser, aber irgendwie auch schon, ist ja alles schon sehr schlimm heute. Damals, damals, damals.

Und ehe man sich versieht, sitzt man in Stützstrümpfen und beigen Outfit in einem Heim, einem flutschen beim Einschlafen im Sessel die Zähe halb raus und wenn die Pflegerin kommt, erzählt man erst recht von damals, weil es ja nun erst recht kein Jetzt mehr gibt und ein Morgen nur in grauer Theorie existiert. Das ist dann das Endstadium.

Aber da bin ich noch nicht. Noch nicht. Auch wenn das Neon-Schild inzwischen eingestöpselt ist und Tag und Nacht so hell leuchtet, dass ich kaum schlafen kann. Wobei das mit der Schlaflosigkeit könnte auch ein Symptom der nahenden Menopause sein … Älterwerden ist tricky. Darf ich tricky noch sagen?