Sonntagsmenschen

Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Arten von Sonntagsmenschen:

Die, die gut gelaunt aus dem Bett hüpfen, sich hübsch machen und zum Brunchen mit Freunden gehen. Oder einen munteren Spaziergang über den Flohmarkt machen, wo sie zwanzig Jahre altes Porzellan mit Goldrand und neckischen Blumen drauf kaufen – oder einen verspielten Jugendstil-Tisch fürs Wohnzimmer, auf dem in den kommenden Monaten immer die Blumensträuße für Instagram pompös inszeniert werden.

Mittags isst man vielleicht einen leichten Salat mit einer proteinreichen Beilage, vielleicht Riesengarnelen oder frischen Bio-Lachs, und nachmittags legt man sich mit einem Buch in den Park, mit der Biographie von Lena Dunham oder einem dieser Gedichtbände in dem pro Seite immer nur sehr deepe, kurze Verse stehen („Dreams are only the direction, Life is the road„), die einem so sehr zum Nachdenken anregen, dass man ständig innehalten muss.

Man genießt das Vogelgezwitscher und die Sonnenstrahlen. Zwischendurch holt man sich vielleicht ein Eis oder eine Rhabarberschorle, bevor man den Abend ausklingen lässt mit einem Weißwein, Wirsingchips und einem guten Gespräch auf dem Balkon.

Und dann gibt es mich.

Die um sieben laut eskalierend aus dem Bett springt, rummault, warum zur Hölle alle so laut sind, zurück ins Bett stampft, sich leise motzend Oropax reindrückt und die debil aussehende Schlafmaske aufsetzt, weil sie den Versuch unternimmt, wieder einschlafen zu wollen.

Vielleicht gelingt das sogar, aber dann träumt man nur von Geschlechtsverkehr mit ehemaligen Kunstlehrern oder dass man bei Hannibal Lecter zum Dinner eingeladen wird und beleidigt ist, weil er einen nicht essen will. Also wacht und steht man wieder auf, läuft den restlichen Tag gerädert durch die Wohnung, schließt überall die Rollos, die der Mann in einem grotesken Anflug von „Carpe Diem!“ aufgerissen hat und reagiert auf die immer wieder aufkommende Frage, was wir heute machen wollen bzw. ob ich mit raus will bzw. ob ich mir heute noch eine Hose anziehen will, lediglich mit einem sarumanhaften Lachen.

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Ich weiß es nicht

„Und, freust du dich?“ fragt er und ich horche in mich, aber da ist nichts. Nicht mal ein Echo. Ich weiß, dass Freude eine angemessene Reaktion wäre. Die einzig angemessene vermutlich: Seit Januar bin ich schließlich wieder festangestellt, seit zwei Wochen besitze ich mein erstes Auto – mit dem ich nicht das Gefühl habe, ich wäre in einer Massenvernichtungsmaschine auf vier Rädern unterwegs –, ab Oktober habe ich eine neue Wohnung mit kleinem Garten – und während ich gerade mit latent sonnengebräunten Beinen in einem Ferienhaus am Meer sitze, habe ich eine Mail von meinem Verlag bekommen, in der man mir sagte, dass man mit meinem Buch ganz zufrieden ist.

Genug Gründe sich mal zu freuen. Und dennoch.

„Hm.“ nuschle ich und schiebe die Brille mit dem Mittelfinger nach oben „Weiß nicht.“

Was vielleicht einfach nur mundfaul und nicht besonders eloquent rüberkommt, ist am Ende die reine Wahrheit.

Ich weiß es nicht.

Vielleicht weil ich fürchte, dass, sollte ich es wagen, mich zu freuen, oder sogar laut zu sagen, wie geil alles gerade ist bzw. wie geil es werden kann, ebendieses alles sofort in sich zusammenbrechen würde.

Zu sagen, ich wäre ein Skeptiker, wäre vermutlich eine maßlose Untertreibung. Nicht, weil ich grundsätzlich glaube, dass ich scheitern würde. Sondern nur, weil ich weiß, wie fragil und vergänglich alles ist.

Klingt nach Esoterikhokuspokus und Buddhismus?

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