Das Whiteboard

Ich stehe seit etwa einer Stunde vor dem Whiteboard und starre es einfach nur an. Vielleicht sind es auch nur fünfzehn Minuten. Oder zwei. Aber das klingt nicht so dramatisch.

Es gibt keinen Grund, warum ich hier so dumm rumstehe, außer dass ich eigentlich vorhatte, es zu säubern. Und genau das eben nun nicht mache.

Ich hatte das Whiteboard in der letzten Phase des Buches gekauft. Es war sauteuer, riesig und wunderschön. Andere Menschen träumen von Einhörnern und kohlenhydratarmen Keksen, ich habe feuchte Träume von Excel-Tabellen und Whiteboards. Neben meinem Listen- und Übersichts-Fetisch hat mir das Whiteboard aber tatsächlich in den letzten Wochen mehr als einmal den literarischen Arsch gerettet und mir Klarheit verschafft, wo sonst nur koffeingetränktes Chaos herrschte.

Es war mein Kamerad. Zwar ein sehr stummer Kamerad, aber so habe ich meine Kameraden eigentlich am liebsten.

Und nun es einfach abwischen?

Es ausradieren? Sein Gedächtnis löschen? Das dumme Ding ist analog. Es würde kein Strg+Z geben. Das fühlt sich nicht richtig an. Wie bei einem uralten, zu Tode geknuddeltem Kuscheltier aus Kindertagen, bei dem man kurz überlegt, es wegzuschmeißen und sich anschließend – quasi von Schuldgefühlen dahingerafft – gleich selbst mit in die Mülltonne legen möchte.

Natürlich ist mir klar, dass ich das Whiteboard früher oder später leer wischen muss. Weil es nun mal in der Natur eines Whiteboards liegt, gewischt zu werden.

Aber für diesen Moment stehe ich einfach noch ein bisschen hier, mit dem Tuch in der Hand und starre es einfach nur unschlüssig an …

Feierabend

Ich sitze auf dem Sofa und trage Leggings, dicke Socken und die vermutlich hässlichste Strickjacke der Welt. Auf mir mein dickes Plumeau, darauf mein MacBook, weil ich gerade versuche, herauszufinden, wie man sich von der Bio-Lebensmittelindustrie nicht verarschen lässt und wo ich Milch von einer Kuh herbekomme, deren Leben nicht gänzlich scheiße ist und die, hätte sie denn einen Daumen und eine Pistole, sich nicht umgehend das Leben nehmen würde.

Nicht gänzlich scheiße wäre nämlich schon mal ein Anfang. Schließlich weiß ich inzwischen, dass vegan für mich genauso wenig eine langfristige Option ist, wie eine Milch zu kaufen, auf der ein Bio-Siegel klebt, das in etwa denselben Wert wie ein Glitzer-Sticker aus der Bravo hat.

Im Hintergrund kämpft der BVB gerade verbissen, aber erfolglos gegen irgendein europäisches Fürstentum, bei dem man sich die ganze Zeit vorrangig fragt, wie zur Hölle die eigentlich in die Champions League gekommen sind.

Ich könnte jetzt auch ins Bett gehen. Die monegassischen Freizeit-Franzosen haben schon zwei Tore geschossen und ich muss an das Ende von „Der mit dem Wolf tanzt“ denken. Da war das stete, aber unerfolgreiche Aufbäumen der Hauptprotagonisten ähnlich unerträglich.

Ich könnte auch auf dem MacBook was auf Netflix gucken. Ich könnte hier auf dem Sofa einschlafen. Ich könnte mir auch warmen Vanillepudding machen, ihn hier auf dem Sofa essen und danach einschlafen. Ich könnte so vieles. Geradezu alles. Oder auch nichts von alldem.

Denn das Buch ist durch. Abgegeben. Für gut befunden – oder zumindest okay – und nun schlagen sich Menschen im Verlag damit herum, meine eher dürftigen Worten in eine druckbare Form zu bringen und Absätze, Seitenumbrüche und anderen Spaß einzufügen.

Ich habe Feierabend.

Also für den Moment. Und kann mich kaum entscheiden, was ich jetzt alles machen könnte.