Erinnerungen, die glücklich machen

Letztes Wochenende fand ich beim Ausmisten zwei Ordner mit Unterlagen aus Studienzeiten. Genau gesagt, meine Hebräisch-Unterlagen. Jetzt müssen Sie wissen, dass ich Hebräisch für eine der schönsten Sprachen der Welt halte. Neben Yiddish natürlich.

Mein Hebräisch ist inzwischen unfassbar schlecht, um nicht zu sagen: nicht existent. Aber als ich durch die Ordner blätterte und dem Antichristen, der mich mit fragendem, an meinen Geisteszustand zweifelndem Blick ansah, ihm daraus vorlas, mich kichernd an dem Klang der Sprache berauschte, verschaffte mir das für kurze Zeit beinahe ein Gefühl von Glück.

Es machte mich etwa genauso glücklich wie der Umstand, dass der Edeka bei uns gegenüber seit wenigen Monaten sein Sortiment erweitert hat und es nun ein halbes Regal voller Lebensmittel aus Israel gibt.

Der gefilte Fisch im Glas sieht zum Kotzen aus und wenn ich nur an den fettigen Geschmack der Bambas auf meiner Zunge denke, möchte ich spucken – aber jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, suche ich dieses Regal auf, prüfe nach, ob sie das Sortiment erweitert oder verändert haben und versuche – den Zeigefinger dabei wie ein Erstklässler langsam von rechts nach links bewegend –, die Wörter auf den Verpackungen zu lesen.

Nur um bei jedem Wort, das ich übersetzen kann, mich – berauscht an meinen eigenen, übermenschlichen Fähigkeiten – stolz umzublicken. Fehlt nur noch, dass ich dabei auf meine Brust trommle …

Ich kaufe dort nie etwas. Und eigentlich müsste ich die Ordner wegschmeissen. Schließlich bin ich Freizeit-Minimalist. Und weiß, ich werde mich nie wieder hinsetzen und Vokabeln pauken. Ich habe auch kein Verlangen, noch einmal nach Israel zu reisen, und wüsste keine Situation, in der mir ansonsten fließendes Hebräisch hilfreich sein sollte. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Ordner zu behalten.

Scheiß doch auf rationale Gründe

Denn jedes Mal, wenn ich diese Ordner durchblättere, ihre Seiten beunruhigend zärtlich befingere und mich ergötze an diesen schwungvollen Buchstaben, an diesem Mischmasch aus althebräischen, yiddishen, romanischen und slawischen Wörtern, entsteht vor meinem geistigen Auge erneut eine Phase meines Lebens, die eigentlich unwiderruflich vorbei ist.

Eine, in der ich wagemutig war. In der ich gereist bin. In der ich unfassbar glücklich und unbeschreiblich unglücklich war.

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in Tel Aviv und das eklige Hotel dort. Ich erinnere mich an Orah, meine Hebräisch-Lehrerin an der Uni in Be’er Sheva. An Steffi. Katharina. Felix. An viele, deren Namen ich vergessen habe. An meinen ersten Joint und die Enttäuschung darüber, dass jede Wirkung ausblieb.

Ich erinnere mich an Nachtwanderungen durch die Wüste Negev. An Blasen an den Füßen. An die viel zu späte und brennende Erkenntnis, dass man mit offenen Wunden nicht im Toten Meer baden sollte. Und dass es unmöglich ist, halbwegs sexy auszusehen, wenn man wie eine angeschossene Seekuh in ebendiesen Meer vor sich hintreibt.

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100 Dinge

Minimalismus ist ja, neben Jutebeutel und Latte Macchiato, der letzte heisse Scheiß dieses Jahrhunderts. Weniger besitzen – am Besten so gut wie nix und das was übrig bleibt am Besten plastikfrei und recycelt. Oder aus Zement. Zement ist ja auch so ein heisser Scheiß unserer Zeit – und sich mehr aufs Wesentliche konzentrieren. Darum geht es und das hört sich erstmal auch ganz töfte an.

Offiziell hat die Minimalismus-Ecke auch nicht so einen faschistoiden Weltanschauungsanspruch wie z.B. die Hirse-Fraktion, die sich regelmäßig in Bio-Supermärkten trifft, um dort ihre Gottheiten aus Räuchertofu und Aubergine anzubeten und heimlich ihre Weltrevolution zu planen. Aber auch die Minimalisten wissen klar, wo die Reise hingehen soll. Im Grunde sind sie so ähnlich wie buddhistische Mönche. Nur ein wenig stylisher und hipstriger und eben mit Smartphone.
Es gilt: Je weniger, desto besser, aber generell werden Menschen, die dennoch mehr als fünf Hemden besitzen von den anderen nicht mit den Designerobstschalen aus Zement gesteinigt und das ist doch ein schöner Ansatz.

Seit einiger längerer Zeit geistert deswegen auch in den Blogs immer wieder die hübsche Zahl Hundert durch die Gegend. Hundert Sachen. Also, ob man es schafft sich auf hundert Sachen zu beschränken. Natürlich gibt es verschiedene Ansätze, wie genau dafür jetzt die Regeln sind und als ein Fan von Regeln las ich sie mir alle durch.. und als ein Fan von weniger-Kram-haben (im letzten Jahr habe ich so ausgemistet wie noch nie) überlegte ich, ob ich das auch schaffen würde.

Hundert Sachen. Ha. Kann ja nicht so schwer sein. Hundert ist super viel. Ha ha. Ha ha ha.

Meine Begeisterung begann zu schrumpfen, als ich begann allein im Schlafzimmer meinen  Wumms zu zählen. Inklusive Wanduhr, Yogamatte, Taschen, Kirschkernkissen, Kosmetikwumms, Bücher, Klamotten, Jutebeutel (oh, so viele Jutebeutel!), Schuhe und noch mehr Klamotten kam ich schließlich auf knapp 300 Sachen – Die Klamotten und Möbel des Mannes nicht eingerechnet. Da stand ich nun, kratzte mir unschlüssig am Kopf und stellte zu allem Überdruss auch noch fest, dass ich inzwischen mehr Jutebeutel als Bücher besaß.

Sieht man jedoch von der Tatsache ab, dass ich ein paar der Jutebeutel wirklich loswerden sollte, befinde ich mich an einem Punkt, an dem meine emotionale und persönliche Schmerzgrenze inzwischen erreicht ist.
Ich habe mich im letzten Jahr von 861 Sachen getrennt. Achthunderteinundsechzig. Ich besitze kaum noch Bücher oder DVDs (nur Friends und The Office), keine einzige CD und auch sonst kaum noch Schmuck, Erinnerungsstücke oder sonstigen Wumms.

Und dennoch, oder gerade deswegen, ist jetzt langsam mal Schluss. Ich ziehe die Handbremse an. Ich kann und will auch überhaupt nicht auf hundert Sachen runter und finde die Tatsache, dass es Menschen gibt, die stolz rumbellen, sie seien jetzt runter auf hundert, aber noch ein „Ach, übrigens: Bücher, Geschirr etc. etc. etc. etc. sind da nicht inkludiert!“ hinterherwispern albern.

Un-fass-bar albern.

Es ist super, dass jeder seine eigenen Regeln im Bezug auf Minimalismus aufstellen kann, aber das erinnert doch ein wenig an „Ich bin Vegetarier. Ich esse kein Fleisch! Außer Hühnchen!“
Es gibt einfach Dinge, wo eine gewisse Konsequenz durchaus lobenswert ist.

Und ich für meinen Teil vermisse ein paar Sachen. Vor allem meine Bücher. Und habe deswegen beschlossen „meine“ Regeln dieses Jahr ein wenig zu lockern: Wenn ich etwas Neues kaufe, muss ich dafür nicht zwei Sachen entsorgen und statt sich pro Tag von einer Sache zu trennen, sollen es vorerst nur zehn im gesamten Monat sein. So sorge ich zumindest dafür, der Gesamtsituation auch weiterhin halbwegs Herr zu bleiben.

Und falls ich mal in einem Monat nicht auf meine zehn Sachen kommen sollte, nehme ich notfalls irgendwas vom Mann. Genau für solche Fälle lebt man ja in einer Beziehung und seien wir ehrlich, wozu braucht der ein Buch über die britischen Musikcharts 1955-1993 oder die Biografie von Dieter Bohlen?

Ich denke, die zehn Sachen pro Monat werden ein Klacks.