Wem zur Hölle gehört das alles?

Bevor ich 2011 (das erste Mal) nach Berlin gezogen bin, sah ich mich mit der prachtvollen Herausforderung konfrontiert, dass ich meinen ganzen Scheiss, den ich in 28 Jahren in meinem Leben so angesammelt hatte, ganz sicher nicht mitnehmen würde können.

Jetzt ist die Erkenntnis, dass man sich dringend von Sachen trennen muss, leicht dahin gebrabbelt, wenn nicht gar beschlossen. Die Umsetzung hingegen ist durchaus herausfordender. Auf meinem alten Blog gibt es sogar noch einen Eintrag, eine Art Gesprächsprotokoll, von meinem kläglichen Versuch im Juli 2011 mit einer Freundin zusammen meine Schränke und Regale auszumisten:

Freitag. Früher Abend. Sie steht seit etwa zehn Minuten in meiner Wohnung und kräuselt die Nase. „Was is‘ damit?“ fragt sie und zeigt auf eine moosgrüne Strickjacke, von der man sagen könnte, sie habe schon mal bessere Tage gesehen, wenn sie denn solche gesehen hätte.

„Die kann ich nicht wegschmeissen.“

„Hast du sie in den letzten Jahren angehabt?“

„Nope.“

„Hast du sie jemals angehabt?“

„Nope.“

„Dann solltest du sie wegschmeissen.“

„Geht nicht. Hab sie 2002 in Namibia gekauft.“

„Mir erschließt sich der Zusammenhang nicht.“

„Es ist .… ehm. … Namibia halt. Ich war da. Ich hab sie da gekauft … Das, ehm, machen Menschen so. Sehe ich die Jacke, denke ich ‚Oh, damals! In Namibia!!'“

„Und du brauchst diese Jacke, um dich zu erinnern, dass du 2002 in Namibia gewesen bist?“

„Exakt. Bis vor drei Minuten, als diese unsägliche Unterhaltung begonnen hat, hatte ich gänzlich vergessen, dass ich jemals in Namibia war. Um ehrlich zu sein, hättest du mich vor drei Minuten gefragt, wo Namibia liegt, ich hätte es dir nicht sagen können, ich hätte noch nicht mal gewusst, ob Namibia ein Land oder das libysche Nationalgericht ist, aber wenn ich die Jacke sehe BOOM! Alles wieder da!!

„Was ist damit? Die Steppweste. Von wann ist die bitte?“

„Aus den Achtzigern. Gehörte meiner Mama. Ohne die Weste wüsste ich nicht, dass ich eine Mama habe. Ich gucke jeden Tag in den Schrank, sehe die Weste und denke ‚Ich habe eine Mama.'“

„Ich habe Angst zu fragen, ob das dein Ernst ist.“

„Das ist das Schlimme bei Menschen wie mir, nicht wahr? Ihr wisst nie, wann wir euch verscheissern.“

„Ooooookay, gehen wir weg vom Kleiderschrank. Was ist in der großen Kiste da oben?“

„Deko-Sachen.“

„In Marzahn helfen auch keine Deko-Sachen. Hol die Kiste runter. Was ist das?“

„Sand. Indischer Ozean an der Südafrikanischen Küste, zwischen Durban und Umhlanga Rocks. Mitte der Neunziger. Der Sand erinnert mich daran, dass mir der Badeanzug bis zu den Knien hing, als ich aus dem Meer kam, weil der Schritt mit ca. fünf kilo Sand gefüllt war. Also nicht dieser Sand hier. Das wäre eklig.“

„Aha. Was ist das? Noch mehr Sand?“

„Jordanische Wüste. Nahe Petra. 2007. Ich bin an dem Tag auf einem Kamel geritten. Lustigster Tag ever. Und auf einen Esel. Mit dem bin ich fast die Klippe runtergestürzt. Nicht ganz so lustig.“

Sie beginnt nervös zu blinzeln: „Und das hier?“

„Stein vom Warschauer Ghettokämpfer-Denkmal. 2004. Das war der Sommer, als May und ich völlig betrunken einem Kleinkind das Dreirad geklaut haben.“

„Das hier?“

„Stein aus Auschwitz. Der erinnert mich an … na ja … Auschwitz.“

„Das?“

„Stein aus Jerusalem.“

„Und das?“

„Das ist aus dem Supermarkt! Ha ha ha – wegen der Werbung, du weisst schon, wo der eine Stein gar kein Stein, sondern so ein Raumerfrischerdings ist – Nein, kennst du nicht? War ein Scherz. Der Stein ist aus Auschwitz.“

„Ich dachte, der hier wäre von Auschwitz?“

„Möglich. Es sind Steine. Sie sehen alle gleich aus, woher soll ich nach all den Jahren wissen, woher sie sind?“

„Dir ist schon klar, dass wir so nicht wirklich weiterkommen?“

„Ja, und ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht von dir.“

Von mir?“

„Ja, du hast gesagt, du willst mir beim Ausmisten helfen und brauchst fünfzehn Minuten, um meine Wohnung zu entdingsen. Und nun sieh, was wir bisher weggeschmissen haben: Einen Jutebeutel von dm. Ich finde nicht, dass du deinen Job bisher besonders gut machst.“

Ihre Blinzelrate nimmt drastisch zu und ich bilde mir ein ein nervöses Zucken im rechten Mundwinkel zu sehen. Ohne erklärbaren Grund muss ich an den Rottweiler denken, der sich vor einigen Jahren in den Schädel eines Dreijährigen verbissen hat. Vermutlich wollte der Rottweiler damals dem Kleinkind auch nur beim Aussortieren seiner Legokiste helfen und die Sache ist irgendwie eskaliert. Es sind halt immer die alltäglichen Situationen, die uns zum Hitler werden lassen.

„Du überlegst gerade, warum du nochmal mit mir befreundet bist, oder?“

„Ja.“

„Vielleicht weil ich die größte DVD-Sammlung habe, die du kennst und ebendiese bereitwillig mit dir teile. Und weil ich dir erlaube eine Jogginghose zu tragen, während wir bei dir fernsehen.“

„Ich wusste, es musste ein wirklich guter Grund gewesen sein.“

„Willst du die restlichen Kisten durchgehen?“

„Nicht wirklich. Ich habe Angst, dass ich anfange dich zu schlagen, wenn du weiter redest.“

„Nachvollziehbar.“

„Ich bin dafür, du nimmst all deinen Kram, deine kleinen und großen Kisten, deine Weihnachtslichterkette, die Strickjacken und Steine, deine abartig große Sammlung von Moleskine-Notizbüchern, deine vier Schachbretter, die Comics, das Tablett mit den hässlichen Katzen darauf, die sieben Lamy-Füller und den alten Wasserfarbenkasten aus der Schule – nimm alles mit nach Marzahn. Ich habe ein paar Folgen ‚Mitten im Leben‘ gesehen, ich denke, das passt alles ganz wundervoll.“

„Hm. Okay. Fahren wir dann jetzt zu dir und gucken DVD? Ich habe heute Post aus England bekommen und hab‘ jetzt die erste Staffel von ‚Sherlock‘.“

„Darf ich dabei meine Jogginghose anziehen?“

„Natürlich.“

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Erinnerungen, die glücklich machen

Letztes Wochenende fand ich beim Ausmisten zwei Ordner mit Unterlagen aus Studienzeiten. Genau gesagt, meine Hebräisch-Unterlagen. Jetzt müssen Sie wissen, dass ich Hebräisch für eine der schönsten Sprachen der Welt halte. Neben Yiddish natürlich.

Mein Hebräisch ist inzwischen unfassbar schlecht, um nicht zu sagen: nicht existent. Aber als ich durch die Ordner blätterte und dem Antichristen, der mich mit fragendem, an meinen Geisteszustand zweifelndem Blick ansah, ihm daraus vorlas, mich kichernd an dem Klang der Sprache berauschte, verschaffte mir das für kurze Zeit beinahe ein Gefühl von Glück.

Es machte mich etwa genauso glücklich wie der Umstand, dass der Edeka bei uns gegenüber seit wenigen Monaten sein Sortiment erweitert hat und es nun ein halbes Regal voller Lebensmittel aus Israel gibt.

Der gefilte Fisch im Glas sieht zum Kotzen aus und wenn ich nur an den fettigen Geschmack der Bambas auf meiner Zunge denke, möchte ich spucken – aber jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, suche ich dieses Regal auf, prüfe nach, ob sie das Sortiment erweitert oder verändert haben und versuche – den Zeigefinger dabei wie ein Erstklässler langsam von rechts nach links bewegend –, die Wörter auf den Verpackungen zu lesen.

Nur um bei jedem Wort, das ich übersetzen kann, mich – berauscht an meinen eigenen, übermenschlichen Fähigkeiten – stolz umzublicken. Fehlt nur noch, dass ich dabei auf meine Brust trommle …

Ich kaufe dort nie etwas. Und eigentlich müsste ich die Ordner wegschmeissen. Schließlich bin ich Freizeit-Minimalist. Und weiß, ich werde mich nie wieder hinsetzen und Vokabeln pauken. Ich habe auch kein Verlangen, noch einmal nach Israel zu reisen, und wüsste keine Situation, in der mir ansonsten fließendes Hebräisch hilfreich sein sollte. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Ordner zu behalten.

Scheiß doch auf rationale Gründe

Denn jedes Mal, wenn ich diese Ordner durchblättere, ihre Seiten beunruhigend zärtlich befingere und mich ergötze an diesen schwungvollen Buchstaben, an diesem Mischmasch aus althebräischen, yiddishen, romanischen und slawischen Wörtern, entsteht vor meinem geistigen Auge erneut eine Phase meines Lebens, die eigentlich unwiderruflich vorbei ist.

Eine, in der ich wagemutig war. In der ich gereist bin. In der ich unfassbar glücklich und unbeschreiblich unglücklich war.

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in Tel Aviv und das eklige Hotel dort. Ich erinnere mich an Orah, meine Hebräisch-Lehrerin an der Uni in Be’er Sheva. An Steffi. Katharina. Felix. An viele, deren Namen ich vergessen habe. An meinen ersten Joint und die Enttäuschung darüber, dass jede Wirkung ausblieb.

Ich erinnere mich an Nachtwanderungen durch die Wüste Negev. An Blasen an den Füßen. An die viel zu späte und brennende Erkenntnis, dass man mit offenen Wunden nicht im Toten Meer baden sollte. Und dass es unmöglich ist, halbwegs sexy auszusehen, wenn man wie eine angeschossene Seekuh in ebendiesen Meer vor sich hintreibt.

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