Iwan Denissowitsch

Ich schwitze. Auf eine schier unmenschliche Weise. An Stellen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie in Besitz von Schweißporen sind. Sie wollen das vermutlich gar nicht wissen, aber ich will auch nicht schwitzen –  wir haben also alle unser Päckchen zu tragen.

Umziehen ist die Hölle und letzten Endes auch nichts anderes als eine etwas umständlichere Variante sich möglichst schweißtreibend das Leben zu nehmen. Es ist egal, wie viel man im Vorfeld ausgemistet, wie gründlich man alles geplant, wie fein säuberlich man alles verstaut und gepackt hat – letztendlich wird es dennoch nichts anderes als eine wilde Orgie von Körperflüssigkeiten, nur unterbrochen von den stummen Schreien von Muskelpartien, die eigentlich schon längst dem Vergessen anheim gefallen waren. Jeder Teil meines Körpers schreit „Aufhören“, „Ich kann nicht mehr.“ „Ächz.“ und „Stöhn!“, während ich meinen Körper immer wieder die Stockwerke hoch und runter und hoch und runter peitsche und mir („Weil dann isses nich‘ mehr so schlimm!“) vorstelle, ich wäre in einem ostrussischen Arbeitslager und würde sofort eine Makarow an meinem Schädel spüren, sollte ich auch nur einen Moment innehalte. Was Iwan Denissowitsch kann, kann ich schon lange.

Wie eine Wahnsinnige baue ich alles auseinander, unter dem interessierten Blick des Kindes, das in einem Umzug ebenfalls die schier endlosen Optionen sich umzubringen erkannt zu haben scheint – Kinder haben für sowas ja ein Näschen. Ich schleppe, fluche, schleppe noch mehr, baue auseinander, fluche noch mehr, lausche ungläubig dem Mann, der meint, man müsse den Roller im Sprinter nicht festbinden und verschwinde hysterisch kichernd wieder im Haus, um weitere Kisten und Bretter hinaus zu schleppen.

Es ist schließlich nach vier Uhr nachts, als ich die Lichter sehe, die am Jungfernstieg friedlich auf der Alster hin und her tanzen und nach viel zu wenig Schlaf und einer weiteren morgendlichen Episode voller Schlepper- und Entpackerei, ergattere ich endlich einen kurzen Moment der Ruhe, stelle fest, dass mein Lieblingsgesöff hier 20 Cent billiger ist und die Brötchen beim Bäcker um die Ecke die Bezeichnung Brötchen nicht verdienen und vermutlich genau aus diesem Grund auch Schrippen heißen.

Und während ich noch darüber sinniere, warum sich eine Bäckerei-Kette den stupide anmutenden Namen NUR HIER gibt, wird mir bewusst, dass mein erster Tag schon halb vorbei ist.

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48 Stunden

Er hat schon wieder diesen Blick. Dieser Blick, der sagt, er denkt nach. Männer, die nachdenken sind gefährlich. So kommen sie auf Ideen und da sie Männer sind, sind es eo ipso oft dumme Ideen.

Gleich, in wenigen Sekunden, wird er mich irgendwas fragen und mit „Du?“ anfangen. Nein, genauer genommen mit „Du-huu, saaag maaal..“ und dann irgendwas vorschlagen. Das ist dann meistens der Punkt, an dem ich einfach schreiend aus dem Fenster springen möchte und nur die Tatsache, dass mein Fenster auf die Terrasse führt und ausser aufgeschlagenen Knien dabei nichts für mich rausspränge, mich davon abhält.

Während ich noch über die mangelnden Suizidmöglichkeiten aufgrund der Wohnungslage sinniere, beginnt eine Stimme hinter mir: „Duhuuu..“ Ich zucke zusammen. „Sag mal, was hältst du eigentlich davon, wenn wir den Umzug schon dieses Wochenende machen?“

„Was meinst du mit dieses Wochenende? Meinst du dieses Wochenende? Ich meine: DIESES Wochenende?“

„Ja. Meine Brüder könnten uns jetzt doch helfen, dann würden wir die Umzugshelfer sparen.“

Dieses Wochenende?“

„Ja, dann hätten wir auch alles vor dem Urlaub erledigt.“

„Also, dieses Wochenende? Das in zwei Tagen?“

„Ja, dann müssten wir nicht noch einmal von Hamburg nach Bonn und würden uns die zusätzliche Fahrt ersparen.“

„In achtundvierzig Stunden?“

„Ja.“

Ich blinzle unkontrolliert, während er mich stolz anblickt. Ich erkenne den selben Stolz in seinem Blick, den ich auch bei unserem Sohn ausmache, wenn er in der Badewanne pupst. Verständlich. Ist ungefähr die gleiche intellektuelle Leistung.

Da ich in den letzten 2,5 Jahren sehr darum bemüht war, den Eindruck aufrecht zu erhalten, ich sei super spontan und flexibel und voll crazy – und zwar nicht auf diese zwangsneurotische Ich-muss-jeden-Boller-auf-dem-Bürgersteig-anstupsen- oder die Ich-fange-an-zu-weinen-wenn-meine-Excel-Tabelle-für-den-Tagesablauf-abstürzt-Weise, sondern die Whooohoo-wir-ziehen-einfach-schon-übermorgen-um-Whoohoo-Weise – versuche ich mein Blinzeln, sowie den Drang ihm mit einer Axt einen Scheitel zu ziehen, zu unterdrücken. Gekonnt fabriziere ich auf meinem, nur noch latent zuckenden Gesicht, ein Lächeln, so wie ich es im Fernsehen bei glücklichen Menschen immer sehe.

„Ja. Klar. Lass es uns dieses Wochenende machen.“

Er lächelt: „Super. Ich miete den Sprinter.“

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Wenn mich einer sucht, ich sitze in der Badewanne und schaukle mich jetzt summend in eine bessere Welt.