Ich habe heute kein Schild für dich

+ + + TW: Abnehmen, Übergewicht & Bodyshaming. + + +

„Putz dir die Zähne, dann hast du keinen Appetit mehr.“ „Trink ein großes Glas Wasser!“ „Hol dir doch so einen Hula-Hoop-Reifen – der ist mega zum Abnehmen.“ „Hast du schon mal Intervalfasten ausprobiert?“ „Vergiss das Kalorien zählen, verzichte einfach auf Kohlehydrate. Oder wenn: Nur slow carbs.“ „Iss doch lieber so einen Proteinpudding, wenn du schon was Süßes essen musst.“

Ratschläge, so weit das Auge reicht. Es ist wundervoll. Und bekanntlich ist jeder von ihnen der Heilige Gral zu dem Körper, mit dem man endlich wieder so etwas wie Selbstliebe verbindet. Ich frage mich dann nur immer, wenn all diese Ratschläge so easypeasy für alle Menschen umzusetzen sind und auch die gewünschte Wirkung haben, wieso genau schlagen wir uns dann seit Jahrzehnten mit dem immer selben Thema rum – nämlich „Wie nehme ich am Besten ab?“

Aber, keine Sorge, das letzte, was ich machen werde, ist hier nun Tipps zu verteilen oder gar vermeintlich neue aus dem Hütchen zu zaubern. Ich werde aber auch nicht so tun, als wenn ich Abnehmen per se eh voll doof finde, weil Body Positivity und so.

Um es von vorne rein noch einmal klar zu sagen: Jede*r, der das Äußere, die Form, die Rundungen oder die Abwesenheit ebensolcher, kommentiert, kritisiert und/oder mit Beleidigungen der buntesten Art versieht, braucht dringend ne Dosis Empathie und ein bis zwölfzig leichte Schläge auf den Hinterkopf.

Ich war früher auch so.

Habe Menschen anhand ihres Gewichts beurteilt. Kein Wunder. Ich wurde 1982 geboren, ¾ meines Lebens habe ich also in einem Umfeld und einer Gesellschaft verbracht, die nur eines kannte: Das Äußere der Frau zu definieren, kategorisieren, bewerten und jedem weiblichen Wesen, das eben nicht die Maße einer Cindy Crawford hatte einzureden, es sei zu dick, zu hässlich, nicht begehrenswert.

Ich habe das geglaubt. Natürlich. Schlank ist gut. Wer auch nur den Ansatz eines Bäuchleins hat, ist fett und wer fett ist, ist hässlich, eklig und faul! Das, was sich in den letzten Jahren nach und nach (wenn auch weiterhin viel zu langsam) tut, angefangen bei uns selbst, über die Darstellung von Diversität in den Medien bis hin zu den Modelabels, ist enorm. Und eine unheimliche Erleichterung. Die Erkenntnis, dass mein Taillenumfang, meine Körbchengröße und Körperbehaarung nichts mit meinem Wert zu tun hat, ist schlicht enorm erleichternd.

Aber das System lässt sich nicht von heute auf morgen und auch nicht innerhalb eines Jahrzehnts komplett ändern. Die Muster sitzen zu tief, zu oft wurde wiederholt, was schön ist und was nicht und immer noch rotten sich Menschen in den sozialen Netzwerken unter den Posts von Fremden zusammen, um deren Körper zu bewerten und sie auf eine Weise zu beleidigen, dass es sprachlos macht.

Und weiterhin läuft Germany’s Next Topmodel und in den Zeitschriften, die gleichzeitig Selbstliebe predigen, springt einem auf den Cover die Frage „ARE YOU BEACH BODY READY?“ in die Fresse.

Das Muster sitzt auch in mir tief.

Zu tief, als dass ich mit Gewissheit sagen könnte, was mein eigenes Körperideal ist und was mir lediglich als erstrebenswert und schön suggeriert wurde. Clockwork Orange lässt grüßen. Und klar kann man zu mir einfach sagen: „Akzeptier dich doch, wie du bist.“ Aber das ist letztlich genauso unpassend wie zu sagen „Dann nimm doch einfach ab, wenn du es wirklich willst!“

Jeder Körper, jeder Mensch ist unterschiedlich. Jeder hat seine eigene Geschichte. Seinen eigenen Stoffwechsel. Sein eigenes emotionales Gepäck. Die Ratschläge, die sich so gut und einfach anhören, egal, ob es um Selbstliebe oder Keto geht, sind es nicht.

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Veränderungen

Ich weiß, dass nicht alles so bleiben kann, wie es ist. Menschen, Körper, Beziehungen, meine Topfpflanzen – alles verändert sich irgendwann. Und Veränderung ist ja auch nicht per se schlecht. Wenn eine Beziehung scheisse läuft, ist es ja was Gutes, wenn man hier eine notwendige Veränderung einläutet und sich trennt. Oder seinen Job kündigt. Oder die Topfblumen endlich wegschmeisst, weil man endlich eingesehen hat, dass jede noch so anspruchslose Pflanze bei einem draufgeht und man sich lieber so eine Plastikorchidee von IKEA holt.

Aber Veränderung kann eben auch doof sein. Wenn die Beziehung, die mal toll war, es nun nicht mehr ist. Wenn der eigene Körper altert und man Schwierigkeiten hat, damit zurecht zu kommen. Oder ein Tumor – kann auch eine eher doofe Veränderung sein.

So oder so, ob gut oder schlecht, man weiß es nicht. Zumindest bis die Veränderung da ist.

Vielleicht ist sie schon länger da und man hat sie gar nicht bemerkt. Bei einem Tumor passiert das ja gerne mal. Bei Beziehungen hin und wieder auch. Und dann ist man ganz überrascht und irritiert, wo sie plötzlich herkommt, diese Veränderung, dabei wissen alle, dass da gar nichts plötzlich ist, aber das ändert eben nichts am Zustand des Überraschtseins.

Ich merke, dass ich inzwischen häufiger damals oder früher in einem Satz verwende. Und jedesmal, wenn ich mich dabei ertappe, erschrecke ich kurz und schaue an ihr mir herunter, weil ich erwarte, an meinem Torso eine kleingemusterte Kittelschürze und an meinen Handgelenken 17 Küchengummis vorzufinden. Wie bei meiner Oma damals. Denn so fühle ich mich in diesen Momenten. Wie eine Oma. Die vom Krieg erzählt. Von früher. Als ich jeden Tag alleine 200 Kilometer zu Fuß zur Schule gelaufen bin und es nur einmal im Monat Fleisch gab, höchstens zweimal, wenn die Nachbarkatze zu vertrauensselig war.

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