Bitte lächeln!

Irgendwann letztes Jahr, ich war mal wieder in Bezug auf gute Laune und Optimismus nicht so ganz auf der Höhe, saß ich mit einer Freundin zusammen. Man muss dazu sagen, dass es sicherlich nicht immer ein Hochgenuss war (oder ist), mit mir Zeit zu verbringen. Ich fand so ziemlich alles ziemlich scheiße – und entgegen meiner sonstigen Art, hatte ich keinen Plan, keine Idee, wie ich das alles weniger scheiße zaubern sollte.

Abgesehen von den üblichen beschissenen Dingen, sprachen wir auch über Selfies. Und sie erzählte mir, dass sie während einer Krise eine Zeitlang mal jeden Tag ein Selfie von sich machte. Nicht für Instagram, nicht für andere. Nur für sich. Um sich selbst wahrzunehmen, zu sehen, dass sie wirklich da war.

Kurz danach begann ich fast täglich ein Selfie von mir zu machen. Immer im Fahrstuhl, immer in dem kurzen Moment zwischen Erdgeschoss und zweitem Stock, dem kurzen Moment, in dem ich nichts anderes machen konnte, nicht arbeiten, nicht aufräumen, nichts. Und ich kann noch nicht mal sagen, wieso genau ich das gemacht habe. Ich sehe auf den Fotos nicht sehr adrett aus, nicht sonderlich sexy, sie waren auch nie für irgendwas bestimmt.

Sie waren einfach nur eine Momentaufnahme.

Und erst in ihrer Gesamtheit machten die rund zwei Dutzend Fotos irgendwann plötzlich Sinn. Sie zusammen zu sehen und vor allem: Zu sehen, wie ernst und bisweilen traurig ich anfangs darauf aussah und wie nach und nach ein Lächeln zurückkehrte, hatte etwas unbeabsichtigt Schönes.

Man zieht den Selfie-Wahn ja gerne ins Lächerliche, als Ausdruck der heutigen Egomanie, des gelebten Online-Narzissmus. Aber um ehrlich zu sein, ist mir inzwischen egal, was andere Menschen zu diesem Thema denken.

Für mich zählt nur, dass diese Selfies in ihrer Gesamtheit eine Phase meines Lebens – ohne auch nur ein einziges zusätzliches Wort – perfekt zusammenfassen.

Abziehen nicht vergessen!

Soweit ich zurückdenken kann, hängt bei uns im Büro auf einer der Damen-Toiletten folgender Zettel:

Und jedesmal, wenn ich dort bin – und es sei euch versichert, es ist wirklich immer sauber dort –, frage ich mich, seit wann dieser Zettel wohl schon da hängt und wie es hier früher ausgesehen haben muss, dass nicht nur jemand die Notwendigkeit gesehen hat, ihn aufzuhängen, sondern dass jemand Zweites die Situation wohl als so unerträglich empfunden hat, mit zorniger Kugelschreiberhandschrift einen weiteren Kommentar dazu zu schreiben.

Ich stellte mir einen dreckigen Boden vor. Klopapierfetzen, die in dem kleinen Raum überall rumflogen. Und offenbar Blut an irgendwelchen Stellen, wo Blut nicht unbedingt hingehört. Was, seien wir ehrlich, quasi überall ist.

Und weil ich ich bin, reicht es natürlich nicht, es mir vorzustellen …

3 Wochen lange habe ich dieses Bild in meinem kleinen Köpfchen durch die Welt getragen. Und ich muss sagen, es hat geradezu was Erleichterndes, es nun raus aus meinem Schädel zu haben. Und weil es ja vielleicht noch anderen aus dem Büro genauso ging, habe ich es heute Morgen gleich über den anderen, alten Zettel gehängt.

Quasi als gute Tat des Tages. Die Humorbefreiten haben nun zukünftig einen optischen Leitfaden, wie sie den Raum bitte hinterlassen sollten. Und denen mit Humor ist in Zukunft zumindest nicht langweilig auf dem Klo. Win Win!