Fenster

Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich Menschen, die schlendern. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal geschlendert bin. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch weiß, wie das Wort geschrieben wird …

Sie schlendern so vor sich hin, als hätte sie jemand ausgesetzt und nun wüssten sie ohnehin nicht, wohin, und dann kann man ja auch mal ’ne Runde schlendern. Hin und wieder schauen sie verträumt in die Sonne.

Sie haben angebräunte Gliedmaßen, die vermuten lassen, dass sie kürzlich Zeit und Muße hatten, dieselben der Natur auszusetzen. Vielleicht in einem Park. Auf einer Picknickdecke. Mit Freunden. Lachend. Ich kenne sowas. Also nicht persönlich. Aber von Shutterstock. Und Instagram.

Instagram ist eigentlich noch schlimmer als der Blick aus dem Fenster. Denn jenseits dieses Fensters ist nur die Brücke und die Straße und der Gehweg und da können die Menschen eben nur schlendern, radfahren und ähnlich fortbewegendes.

Auf Instagram ist aber alles. Da ist das Frühstück der Menschen. Ihr Mittagessen und Abendessen. Da ist ihr selbst gemachtes Granola, ihre selbst getöpferten Kaffeebechern mit handgemahlenem Kaffee. Da ist Hygge und weiße, immer saubere Inneneinrichtung, die stets mit dem Hashtag Minimalismus versehen ist. Da sind Menschen, die häkeln, nähen, stricken. Da sind Ausflüge ans Meer. Wandern in den Bergen. Schwimmen am See. Partys und Sekt. Yoga in den Morgenstunden und Meditieren und Achtsamkeitsgedanken am Abend.

Und ich, ich gucke zu. Ich kenne diese Dinge, ich habe davon gelesen. Vielleicht habe ich das ein oder andere auch schon mal gemacht. Früher. Wobei ich nicht mal sagen kann, wann das war, dieses früher. 

Es ist ein seltsames Gefühl. Dieses Zugucken. Stumm und passiv. Als wäre ich ein Alien. Das nur beobachtet. Aber nicht Teil ist. Ich dachte immer, früher oder später würde ich wieder Teil davon sein, würde auch in der Sonne ein Buch lesen oder einen Schal stricken oder Zucchinis so schälen, dass sie wie Pasta aussehen, um sie mit #Zoodles irgendwo zu posten.

Diese Hoffnung ist weiterhin da. Nur, dass ich ebenfalls nicht absehen kann, wann aus der Hoffnung denn auch Realität wird, das fängt langsam wirklich an, mich zu beunruhigen.

Monatsrückblick | Mai 2017

Irgendwie ist es schwer vorstellbar, dass der Mai schon vorbei ist. Gefühlt war doch letzte Woche erst April und nun soll schon Juni sein? …

Ich war eine Woche krankgeschrieben. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine Woche krankgeschrieben wurde. Ich weiß nur noch, auch das letzte Mal wäre es ein leichtes gewesen, länger als nur eine Woche aus dem Verkehr gezogen zu werden – und auch damals bin ich nach einer Woche wieder arbeiten gegangen. Warum weiß ich nicht. Vielleicht weiß ich es doch. Vielleicht ist es schlicht die Angst, man könnte während meiner Abwesenheit merken, dass ich ersetzbar bin und es eigentlich egal ist, ob ich da bin oder nicht … Vielleicht.

Kurz nach meiner Krankschreibung hatte ich Urlaub, der vorrangig darin bestand, in Zügen zu sitzen bzw. Zuhause Stromberg zu gucken, während meine Steuererklärung aus dem Nebenzimmer wütende, da wartende Flüche ausstieß.

Ansonsten bestand der Mai aus einer bemerkenswert belanglosen Wiederholung des ewig Gleichen. Die gleiche Unzufriedenheit über alles und jeden. Diese Art von Unzufriedenheit, die an einem nagt. Die ermüdet. Einen selbst und alle, denen man davon erzählen möchte, damit man nicht das Gefühl hat, man könnte sonst daran ersticken.

Aber wer weiß. Schließlich ist jetzt nicht mehr Mai. Jetzt ist Juni. Ein neuer Monat. Eine neue Möglichkeit, Dinge anders zu machen …