Fondant zum Frühstück

Ich weiß nichts über das Erwachsensein. Oder das Erwachsenwerden. Ich bin inzwischen 42 43 Jahre alt und beides sind für mich einfach nur Worte, die irgendjemand irgendwann einmal erfunden hat, vielleicht weil ihm langweilig war, vielleicht weil er sich wichtig machen wollte, vielleicht gefiel ihm auch nur die Idee davon und er dachte, die Idee allein würde reichen, um zu bewirken, dass es auch wirklich existiert und wahr ist. So wie Einhörner. Oder die Zahnfee. Oder dass Jeffrey Eppstein gar nicht tot ist.

Als ich jünger und kleiner war, trug ich die Fremdbezeichnung ‚Kind‘. (Heute würde ich vermutlich direkt nach meiner Geburt schon als ‚junge Frau‘ gelten, die Medien und Zeitungen senden diesbezüglich gerade viele verwirrende Definitionen und Signale.)

Das war damals, in den glorreichen Achtziger Jahren, als der Kalte Krieg bereits einem abtauenden Eisfach ähnelte, als Russen in Afghanistan den Arsch vollkriegten und Amerikaner und Afghanen noch Freunde waren, als niemand außer Roy Cohn wusste, was ein Trump ist und Little Saint James noch einen anderen Besitzer hatte.

Ich weiß alles übers Kindsein. Denn ich bin bis heute eines. Das sage nicht nur ich. Wenn nur ich das sagen würde, sollten Sie mir nicht glauben, denn Kinder erfinden wahnsinnig viel Unsinn. Glauben Sie einem anderen Experten. Einem Experten in Bezug auf mich und aufs Kindsein: Meinem dreizehnjährigen Sohn.

„Du bist ein Kind im Körper eines Erwachsenen“, sagte er vor wenigen Wochen, als ich nicht aufstehen wollte, weil das Bett so warm und weich war. Es war keine Beleidigung oder generell despektierlich gemeint. Es war die Wahrheit.

Ich bin ein Kind im Körper eines 43-jährigen Menschen – mit einer Kreditkarte. Ein verhängnisvolle Kombination. Und es erklärt letztlich so viel.

Nicht nur, warum ich lieber Nutella-Bisquits zum Frühstück statt Porridge mit Apfelstückchen und Chiasamen esse. Oder warum ich kein Problem habe, das Wochenende Super Mario durchzuzocken statt die Dinge zu tun, die Erwachsene am Wochenende offenbar so tun. Wie Staub wischen oder Vorkochen.

Oder warum ich – und mein Dispo – im Hier und Jetzt leben und das Einzige, was ich über Rentenabsicherung oder Berufsunfähigkeit weiß, ist, dass sie sieben Silben haben und ähnlich sperrigdümmlich klingen wie Krankenhausaufenthaltsbescheinigung [14 Silben].

Mir hat nie jemand erklärt, wie man erwachsen wird oder woran man merkt, dass man es ist. Häufiger Rechnungen zu bekommen oder mehr Versicherungen als Haustiere zu besitzen, fände ich als Merkmal ein wenig schwach. Sicher, mit 18 Jahren wurde ich volljährig. Ich durfte wählen und den Führerschein machen (KFZ-Versicherung!). Aber ansonsten warte ich immer noch. Auf meinen Initiationsritus. Oder eine Art Epiphanie. Oder dass mein Körper vielleicht endlich mit der Hormonproduktion beginnt, die dem Gehirn überschwänglich mitteilt: „Geil, heute ist Samstag, lass uns das Bad putzen und anschließend die Bettwäsche zur Mangel bringen.“

Aber stattdessen sitze hier, an einem Samstag Vormittag, im Schlafanzug, habe mir bisher weder die Zähne geputzt, noch gefrühstückt, es sei denn ein Fondant-Ei zählt als Frühstück – die Regie teilt mir gerade mit: „Nein, the fuck, tut es nicht.“ –, und weiß nicht wirklich was mit mir und diesem Tag anzufangen. (Außer, dass ich heute bei Rust vielleicht versuche, die Oil Rig einzunehmen.)

Zumindest habe ich mir gerade einen Latte Macchiato gemacht. Näher werde ich an dieses Erwachsensein wohl auch an diesem Tag nicht rankommen.

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